Diskussion Salbader

Befund

  • änhd. Sālbader 'sich ständig wiederholendes Geschwätz'

    • änhd. Salbaderei 'Geschwätz'

      • nhd. Salbader 'Schwätzer'

        • nhd. salbadern 'langatmig reden'

Quellen

  • Stieler (1691/ 1968) 76

    • Bader / der / balneator... Salbader / vetus cantilena [das alte Lied]

  • Adelung (1793-1801) 3,1254 f

    • Der Sālbader, des -s, plur. ut nom. sing.

      • 1) Ein altäglicher Schwätzer, welcher andern mit unerheblichen Erzählungen lästig wird.

      • 2) Ein Quacksalber; wohl eigentlich ein unreinlicher Bader, der seine Kranken mit Salben curiret. Daher die Sàlbaderēy, plur. die -en, so wohl langweiliges ekelhaftes Geschwätz, als auch Quacksalberey; salbadern, langweilig schwatzen; ingleichen quacksalbern.

      • Anm. Beyde Bedeutungen sind gewisser Maßen sehr von einander unterschieden, und doch sind sie üblich. Das Wort selbst ist seiner ersten Hälfte nach noch dunkel, wie die meisten unter dem großen Haufen üblichen verächtlichen Benennungen, weil sie oft von unbekannten individuellen Umständen hergenommen sind: denn Frischens Ableitung von einem schwatzhaften Bader, der zu Jena an der Sahle gewohnet, siehet einem Scherze sehr ähnlich. Die erste Sylbe kann aus Salbe zusammen gezogen seyn, sie kann aber auch von dem Ober- und Niederdeutschen sal, schmutzig, unreinlich, abstammen.

  • Wander (1867-80) 3,1846 ff

    • Salbader

      • 1. Du bist ein Salbader. – Eiselein, 536.
        Der Ausdruck ist um das Jahr 1620 zu Jena aufgekommen und von den dortigen Studenten verbreitet worden. Zu dieser Zeit wohnte, wie Adrian Beyer, der 1618 zu Jena studirte, in seinem 1681 erschienenen Architectus Jenensis (S. 127) erzählt, daselbst in der an der Mühllache gelegenen Badstube der Bader Hans Kranich, welcher beim Schröpfen oder Aderlassen jedesmal das nämliche alberne, einen schalen Witz enthaltende Gerede wiederholte, sodass man von einem, der alberne Possen auf die Bahn brachte, sprichwörtlich sagte: Er ist ein Salbader. Das Wort entstand also, weil der Bader an (einem Arme) der Saale wohnte, die Bedeutung aber von dessen Einerlei im Reden bei Ausübung seines Berufs. ...

      • So findet Körte (5126) und Körte2 (6422) die Entstehung des Ausdrucks in den Freibädern, welche zum Heil der Seele des Stifters für Dürftige gegründet worden sind. »Wenn nun«, sagt er, »Arme zusammen solche Seelbäder nahmen, machten sie darin aus Langeweile viel schales Geschwätz.« Noch kühner ist folgende Herleitung.

      • Im Daheim (1865, Nr. 32) und daraus im Sonntagsblatt (Berlin 1869, Nr. 88) heisst es: »Nicht salbadern, sondern salpetern ist das Wort zu schreiben; denn salus patriae ist seine Wurzel, und der Sinn nicht sehr verschieden von kannegiessern. Es war nämlich im vorigen Jahrhundert in den Reichsstädten, namentlich den schwäbischen, Gebrauch, keins der vielen Gastmahle, wozu Kindtaufen und Hochzeiten, theils öffentliche Angelegenheiten den willkommenen Anlass gaben, zu beschliessen, ohne dass zuletzt noch ein Trinkspruch auf die salus patriae, auf das Wohl des Vaterlandes ausgebracht worden wäre. Weil nun aber unsere Altvordern in der altdeutschen Kunst des Trinkens bei solchen Anlässen ganz Ausserordentliches leisteten, so kam es, dass der stehende Trinkspruch auf die salus patriae in der Regel sich nicht mehr durch bündige Kürze auszeichnete. Und da sagten denn die aufwartenden Dienstleute im Vorzimmer: ›Nun ist's bald zu Ende, sie salpetern schon.‹ Im Laute der Zeit ward aus p ein b.« Irgendeine Belegstelle ist für diese Auffassung nicht beigebracht.

      • J. Weber (Möncherei) weiss noch eine andere Entstehungsart; er sagt: »Der Beredsamkeit eines Kapuziners, der Spruch auf Spruch häufte und jedesmal gelehrt hinzusetzte: ›Dixit Salvator noster‹, verdanken wir das herrliche deutsche Wort ›salbadern‹.« Wurzbach (309) leitet diese Deutung von einem Landprediger her, der alle Augenblicke den Namen Salvator (Heiland) gebrauchte und dabei eine Menge Sprüche anführte. Seine Zuhörer pflegten dann zu sagen: »Heute hat er wieder recht gesalvatert.«

  • Grimm (1893) 14,1681 ff

    • salbader, m.

      • 1) persönlich, langweiliger, alberner schwätzer, oft mit dem nebensinn des salbungsvollen, frömmelnden tones: ...

      • 2) unpersönlich, alberne redensart ...
        Rist Parn. (1668) vorbericht b 6 b.
        Stieler 76 erklärt salbader, vetus cantilena (alte leier. Weigand).

      • 3) schon im 17. jahrh. begegnen versuche, die entstehung des wortes aufzuhellen: saalbader (also genannt von einem bader an dem Saalflusz, der allen und jeden seinen badgästen von seinen guten weinbergen erzehlet). Quir. Pegeus (Harsdörffer) kunstquellen 1, 25. nach Weigand 2, 517 erzählt Adrian Beyer, der 1618 in Jena student wurde, in seinem 1681 erschienenen architectus Jenensis, dasz ein daselbst an der mühllache wohnender bader Hans Kranich wegen seines albernen geschwätzes zu der entstehung und verwendung des wortes anlasz gegeben habe. ...
        unter den neueren ableitungsversuchen verdient die bei Andresen 250 erwähnte beachtung: salbadern, den namen des heilands (salvator) beständig im munde führen, daher dann salbader als subst.
        mehr wahrscheinlichkeit hat jedoch die von Schmid 491 gegebene, von Martin in der einleitung zu seiner ausgabe von Murners Badenfahrt (beitr. zur landes- u. volkeskunde von Elsasz-Lothringen 2, xx) weiter ausgeführte vermutung, wonach das wort eine entstellung aus seelbader ist (vgl. zwanzig aus zwênzic). man verstand darunter einen bader, der gegen abfindung durch eine dazu bestimmte testamentarische stiftung unbemittelten ohne bezahlung ihrerseits seine dienste bot. eine solche stiftung, die verschiedener art sein konnte (vgl. darüber zeitschr. für d. culturgeschichte neue folge 2, 571 ff.) wurde seelbad genannt, weil sie zum heile der seele gemacht ward. die seelbader, auch seelscheerer genannt, waren wol die am wenigsten angesehenen unter ihren als schwatzhaft verschrieenen zunftgenossen. ihr umgang mit spittelleuten mag ihnen einen frömmelnden ton gegeben haben; zufällige ähnlichkeit des wortes mit salbung hat vielleicht zu seiner bedeutungsentwickelung beigetragen (vgl. Martin a. a. o.). übrigens liesze sich auch eine willkürliche umformung nach dieser seite hin denken.

  • Kluge (1894) 310

    • zu mhd. sêl-bat

    • BMZ (1854/1866) I. 77b, 50

      • sêlbat stn. bad, das jemand zum heil seiner seele für arme gestiftet, entweder ein einzelnes am jahrestag seines todes zu bestreitendes, oder eine fortwährende anstalt.

Zusammenfassung

  • 1681 nach einem Bader, der an der Saale wohnte

    • Man würde Saale-Bader erwarten.

    • klingt nach Volksetymologie

  • 1837 Seelbader = Bader in einem sêlbat

    • Es ist nicht einzusehen, warum diese Bader geschwätziger gewesen sein sollen als andere.

    • Grimm bleibt den Beweis schuldig, dass aus mhd. ê < a werden konnte.

  • 1859 Salvator

    • Die Anekdote ist so viel oder wenig wert wie die vom Saale-Bader und hat den Nachteil, dass sie jünger ist.

  • 1865 Salus patriae

    • Denkweise dieser Zeit. "Vaterland" fehlt bei Stieler. Auch das "vorige Jahrhundert" (17"") ist später als der älteste Beleg.

Diskussion

  • Die älteste Erwähnung nach Grimm ist 1647 Saalbaderey. Salbader folgt 1681, salbadern ist eine junge Ableitung (Grimm und Platen).

  • Bei Stieler 1681 ist Salbader nicht der Schwätzer, sondern "die alte Leier", die ständige Wiederholung, also die "Saalbaderey".

  • 1647 Saalbaderey lässt sich mit dem Saale-Bader vereinbaren und schließt eine Ableitung von salvâtor aus.

  • Stielers "alte Leier" passt zur Bemerkung Adrian Beyers, wonach der Saale-Bader immer dasselbe schwatzte.

  • Bei den mir bekannten Übernamen steht der Wohnplatz vor der Personenbezeichnung (Bruch-Lui, Hirsch-Peter). "Saale-Bader" ist also eine korrekte Bildung.

  • Der Bader wohnte nicht am Hauptarm der Saale, sondern an einem Nebenarm, der Mühllache, der sich mit der Saale wieder vereinigt und eine Insel bildet. Insofern ist der Name Saale-Bader berechtigt.

  • Adrian Beyer hat den Bader anscheinend selbst gekannt.

Erklärung

  • Beyers Erklärung ist also plausibel.

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Aktuell: 10.02.2019