Diskussion Schmarre

Befund | Theorien | Diskussion | Klärung | Erklärung

Befund

  • mnd.

    • smarre 'Narbe' 357  

    • aber smeren 'schmieren' 358

      direkte Ableitung von smer?

    • smurre 'Striem, Schmarre, Schnitt, Riss' 358

  • mhd.

    • mhd. smirwen 5, smirben, smurben 1, smirn 5, smern 1 'schmieren, salben'

  • fnhd. Götze (1967 / 71) 191

    • schmarre f. (md.) Narbe

  • Stieler (1691/ 1968) 1683

    • Schmarr / & Schmarre / die / plur. Schmarren / incisura, cicatrix, vestigium verteris vulneris, & signum = Einschnitt, Narbe, Spur einer alten Wunde und Zeichen (Mal?)

  • Adelung (1793-1801)

    • Die Schmarre, plur. die -n, Diminut. das Schmärrchen, ein Hieb, eine lange Wunde, und am häufigsten die Narbe einer langen Wunde, wo es zwar im Hochdeutschen nicht ganz fremd ist, aber doch in manchen Mundarten häufiger gebraucht wird, und das Niedrige eben nicht hat, was Frisch darin findet, der es seltsam genug, durch »eine Wunde erkläret, aus welcher eine Kuh saufen [Bd. 3, Sp. 1559] könnte.« Niedersächsisch Smarre, und im Diminut. Smarl. Daß es gemeiniglich von den Merkmahlen größerer Wunden gebraucht wird, als Narbe, scheinet von dem verdoppelten r herzukommen, welches das Zeichen einer Intension ist.

  • Campe (1810) 4,209

    • 1. Die Schmarre, Mz. - n, eine lange weite Wunde, besonders von einem Säbelhiebe, oder vielmehr die Spur, Narbe von einer solchen Wunde; im [Niederdeutschen] auch Schmarl¿. Eine Schmarre im Gesicht haben, S. Schramme.
      2. † Die Schmarre, Mz. - n. 1) Im Fränkischen, ein Klumpen. In engerer Bedeutung, ein weicher Kuchen von zerstoßenen Pflaumen. Reinwald. a) in Schwaben Obstmuß. Uneigentlich, weitläufiges Gerede, Geschwätz.

  • DWB (1899) Schmarre

    • 1) ein gericht, das aus mehl oder gries, brodkrumen, zerstoszenem pfannkuchen u. dergl. mit schmalz oder butter, oft unter zusatz von eiern und anderem, durch schmoren oder rösten bereitet wird...

    • 2) klumpen, brocken

    • 3) schwäb. schmarren, m. obstmus

    • 4) ebenda in gleicher form 'viel gerede'

    • 5) schlechtes, unbrauchbares ding

    • 6) karger mensch, knauser

    • 7) in der neueren schriftsprache begegnet nur schmarre, f. und zwar im sinne von: streich, hieb, lange wunde, narbe und dem ähnliches

      • a) hieb, schramme, lange wunde

      • b) das von der wunde zurückbleibende mal, die narbe

      • c) von ähnlichem, so ein langer schwarzer flecken, ein strich im gesicht

  • DWDS

    • Schmarre 'Narbe, Schmiss; kleine von einem Hieb herrührende Wunde'

      • (Pfeifer) Schmarre f. ‘Wunde, Narbe, Striemen, Schramme, Schmiß’ (16. Jh.), in Mundarten auch ‘Mal, Flecken, Klecks’, mnd. smarre ‘Narbe’, ablautend neben mhd. smurre ‘Hieb, Streich’.

    • Schmarren 'Teig, besonders aus Mehl, Grieß und Eiern, der auf einer Seite gebacken und dann zerrissen wird; Kitsch, Schund; <einen Schmarren> nichts'

      • (Pfeifer) Schmarren, Schmarrn m. obd. öst. ‘aus zerteiltem Teig bestehende und in Fett oder Butter gebackene Mehlspeise’, auch ‘Stück, Brocken, Klumpen’ (16. Jh.). Übertragen ‘Haufen, schlechtes Schriftwerk oder Theaterstück’ (18. Jh.), dann allgemeiner Ausdruck der Geringschätzung und Verachtung im Sinne von ‘Unbrauchbares, Verrücktheit, Schund, Unsinn, Geschwätz’ (19. Jh.).

Theorien

  • Schmarre

    • Adelung (1793-1801)

      • Die SchmarreÜbrigens ist es vermittelst des vorgesetzten Zischlautes von dem Ulphilanischen maurgan, abschneiden, dem schon zu Carls des Großen Zeiten gangbaren marrire, verletzen, gebildet, wozu auch unser Mark und Märzen gehören, S. diese Wörter.

    • Kluge (1894) 329

      • Schmarre F., erst nhd. (bei Steinbach 1743 gebucht); entsprechend ndd. smarre: den altgerm. Sprachstadien fremd; dazu mhd. smurre 'Hieb, Streich'. Die fränkisch-henneb. Ma. hat Schmarbe (aus mhd. smarwe) 'Schmarre'.

    • DWB (1899) Schmarre

      • 8) die angeführten bedeutungen gehören wahrscheinlich nahe verwandten wörtern an, die mit schmer, fett (ahd. smero, gen. smerwes) etymologisch zusammenhängen (ablaut i : a). gestützt wird diese vermutung durch mundartliche nebenformen, in denen ein stammhaftes w erkennbar ist: schmarben, schmarwen, m.

  • Schmarren

    • Pfeifer (1995 / 2005)

      • Herkunft ungewiß. Vielleicht zu ↗Schmer ‘Fett, Schmalz’ (s. ↗schmieren1)?

Diskussion

  • Adelung < mlat. marrire 'verletzen; mlat. marrare 'hacken' 350

    • < lat. marra 'Hacke' 466 < assyr marru 'Hacke' 2,584

  • DWB:  zu Schmer 'Fett'

  • Kluge: Mda. Schmarbe < mhd. *smarwe

  • TH 24.10.2020

    • Grundbedeutung

      • < schmieren 'streichen > schlagen'

        • mnd. smeren 'schmieren, salben; schminken; fig. bestechen u. prügeln' 358

          • scherzhafte Übertragung von strîken 'streichen > schlagen' 386

        • fnhd. Maaler 15" schmirwen 'schlagen'

      • < schmieren 'eine zähflüssige Substanz auftragen'

        • Die mda. Bedeutung 'Mal, Flecken, Klecks' lässt sich unmittelbar aus 'schmieren' ableiten. Dann wäre Schmarre weder 'Hieb' noch 'Narbe', sondern ein unschöner "Flecken" auf der Haut = blutende, verschorfte Stelle.

          • Shess. Schmarr 'Erdscholle, die vom Wagenrad auf die Straße fällt' ist anders ausgedrückt ein materieller "Dreckbatzen", der zunächst am Rad hängt wie der Schorf an der Haut. Von daher 'Klumpen, Brocken'

            • > Pfannengericht Schmarren.

          • Dieselbe materielle Bedeutung hat das Österreichische Fleckerl 'kleine viereckige Nudeln', also 'Klümpchen, Stückchen'

        • Das jüngere 'Fleck' ist wie das ältere 'Schmiss' unabhängig von 'schmieren' abgeleitet.

    • Lautung

      Vokal

      1. mnl. smaar, smare = smeer II 'Fett'

        • wie lat. pirum > gesenkt ndl. peer, ndt. beer 'Birne'

          • und wie üblich er > ar (hert- > ndl., ndt. hart- 'Herz')

      2. Ablaut i / u (DWB, Pfeifer)

        • ⒢ Ablaut in der Konjugation gibt's nur bei starken Verben; smero > *smirwjan ist schwach.

      3. besser Rundung > Entrundung zwischen Labialen:

        • *finf, gerundet fünf, entrundet funfzehn, was im Änhd. die Regelform war.

        • Fisch, shess. gerundet *Füsch, entrundet Fusch

        • also auch smirwen

          • > schwäb. 15m" schmirben / schmurben 'schmieren'

            • = *schmürben > schmurben > Schmurre

          • Schmid (1844)

            • schmurb, m. Schlag, Streich, SW. - schmurre, f. klaffende Wunde, Ulm. (Schmarre)

        • Also kein formaler / semantischer Ablaut, sondern phonetischer Umlaut!

        Nicht hierher: shess. šmuɐn

        • wie Haar > shess. hōɐ > hūɐ (ā, geschlossen > ō > ū)

      4. Vokal kann auch sein japhet. Ablaut *smer- / *smor- / smṛ- > germ. e (i) / a / u (o)

        • wie ahd. beran (biru) / bar / giboran (giburt)

          • ⒢ Beran ist starkes, smirwen schwaches Verb

      Konsonant -rr-

      1. < rj:

        • ahd. berien, berren 23 > mhd. bern (berjen, berren) 'schlagen, klopfen'

        • ahd. burien, burren 46 > mhd. bürn, burren 'erheben'

        • ahd. kerien 199 > mhd. kêren, kerren 'kehren

      2. nicht < rw, da nur Verschlusslaute verdoppelt werden. 1,104f

      3. germ. rż > dt. rr wie bei got. airzeis 'verführt' = ahd. irri 'orientierungslos'

      4. keine alte phonetische Verdopplung, sondern rein orthographische für Kurzvokal. Aber schon Wien 13° smurre?

        • PMMhdG (1881 / 1959) 94

          • Als die Sprache den kurzen Vokal in der freien Tongrenze aufgab, wurde entweder der Vokal gedehnt, oder die Silbengrenze in den Konsonanten verlegt, sodaß die Silbe geschlossen wurde.

            • *Schma-re > *Schmā-re, daher Schmăr-re

      5. Affektive Gemination wie bei Narr

        • KraheG (1965-67) 3,14

          • Beim Nomen drückt die Gemination vielfach Geringschätzung, Geringwertigkeit oder sonstige Affektbetontheit aus...

            • Eine Schmarre schmerzt und ist unerwünscht!

Klärung

  • Bedeutung

    • schmieren > Schmiere > 'Schmutz > 'Flecken, Dreckbatzen > Teilchen'

      • Schmarren 'Teigbatzen', vgl.

        • hess. Batzen > Spatzen > Wasserspatzen

        • schwäb. Spätzle

        • bair. Schmarrn

        • AU Fleckerl

    • > 'schlagen > Schmiss, Wunde'

  • Lautung

    • Vokal

      • schmarre < 1) *smerwe < *smirwe

      • schmurre < 3) *schmürwe < *schmirwje

    • Konsonant

      • smarre < 1) *smerje < *smirwje

Erklärung

  • schmieren 'schlagen'

    • mnd. smarre 'Narbe' 357  

    • mhd. Wien 13° smurre *Wunde*

      • fnhd. Sachs 15" schmurrn 'Wunde'

        • Lothr. Schmurre 'Klumpen, Fetzen, großes Stück'

        • Schwäb. Ulm Schmurre 'klaffende Wunde'

        • nhd. Schmarr, Schmarre 'Einschnitt, Narbe, Spur einer alten Wunde, Zeichen (Mal?)'

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Heinrich Tischner

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Datum: 2019 | Aktuell: 26.10.2020