Diskussion Stahl

Befund

  • ahd. stahal, nhd. Stahl

  • mnd. stāl

  • mnl. stael

  • anord. stál

  • and. stehli 'Axt'

  • aengl. stýle, -é-, engl. steel

Theorien

  • 1894 Adelung 4,274

    • zu Stachel, stechen, "weil doch die Spitzen und Schneiden scharfer Werkzeuge gemeiniglich aus Stahl verfertiget werden"

      • Stechen kann man auch mit spitzem Holz, dazu braucht man keinen gehärteten Stahl.

    • verweist auf frz. acier 'Stahl' usw. < lat. ācer 'scharf, spitz'

      • Niermeyer: mlat aciarium 'Stahl' < acies 'Schärfe, Schneide, Spitze' (zu acer)

  • 1919 Grimm 17,540 f

    • apr.

      • panu-staclan = Vuerysen 'Feuereisen, Stahl zum Feuerschlagen'

      • staka-mecczeris = Stechmesser 'Dolch'

      Nesselmann, Thesaurus 119

      • apr. staclan, stacle 'Stütze, Pfeiler'

      • "In dem alten Küchenfeuerzeuge wurde ein etwa halbfüßiger Stahlstock fest auf den Boden des mit Zunder gefülltem Kastens gestemmt, und dann mit dem beweglichen Feuerstein dagegen geschlagen, daher für den Feuerstahl die Bezeichnung panu-staclan, Feuerstütze."

        • Nesselmann erklärt nicht das deutsche Wort Stahl, sondern das apr. "Feuerstütze". Die überlieferte Übersetzung "Feuereisen" ist irreführend. Staclan bedeutet 'Stütze' und nicht 'Eisen'.

      • Die archäologisch nachweisbaren Feuerstähle hatten keine Stabform, sondern waren gebogen und wurden offensichtlich gegen den Feuerstein geschlagen. Web

      • Damit scheidet staclan als Erklärung für Stahl aus.

    • (unsicher): zu skr. stákati Web 'sich stemmen, widerstehen', avest. staχra- 'steif'

      • Bartholomae 1531 staxta- 'stark, fest', staxra- 'stark, fest, streng (Frost)'

  • 205 Pfeifer 1340

    • stákati, staxra, -xt- < ie. *stāk-, *stek 'stehen, stellen, stehend, Ständer' < *stā-, *stə- 'stellen', also 'standhaft, stark'

      • Stahl ist nicht standhaft, stark, sondern hart. Diese Anknüpfung überzeugt nicht.

Alternativen

  • Der Lautung nach lassen sich drei Grundformen denken:

    • wie oben idg. *stakl- > germ. *staħəl mit Kontraktion in späteren Sprachstufen.

      • Die Kontraktion erklärt das ungerm. ā. Engl. und and. ē ist Umlaut.

      • vergleichbar: vgl. FsN lat. Vacalus, Vahalis, heute Waal

    • idg. *stēl-. Dann müsste stahal zerdehnt < germ. *stāl- sein.

      • and. stehl, aengl. stéle ist auf jeden Fall umgelautet.

    • idg. 'stɐtlós > *staþl- > stahal

      • wie mahal 'Gerichtstätte' = got. maþl 'Markt'.

        • Krahe, Germ. Sprachw. 1,116: inlautendes þl wurde im As. und Ahd. zu hl, und ist im Anord. sekundär mit Ersatzdehnung geschwunden.

          • Fraglich, ob man von einer Regel sprechen kann, wenn es im Inlaut nur ein Beispiel gibt.

          • Adel, Stadel kennen diese Regel nicht. Germ. *wēþla ergab ahd. wāla 'das Wehen, Fächer, Blasebalg', *waþl > wadel 'Wedel'.

  • Schwer nachzuvollziehen ist das Benennungsmotiv

    • *stʰeḫ- 'stehen'

      • 'hart' (allenfalls "stabil")

        • lässt sich nicht an überlieferten Vokabeln erhärten.

      • 'aufrecht stehend' wie apr. staclan 'Stütze'

        • historische Verwendung von Eisenstangen

          • eiserner Grenzpfahl in Fluss (1318 Dreieich S. 2 "mitten in den Meyne vffen tzu Stockstadt an den isern phale = mitten in den Main, hinauf bis Stockstadt an den eisernen Pfahl")

            • eher aus Holz mit Eisen beschlagen.

          • das apr. Feuereisen

          • Wetzstahl scheint schon früh bekannt gewesen zu sein, muss aber nicht die heutige Stabform gehabt haben. (Web l)

          • Die Riesen der Sage kämpften mit eisernen Stangen (eisenbeschlagenen Keulen)

          Wenig überzeugend. Stahl mit hohem Kohlenstoffgehalt brauchte man nur zum Feuerschlagen. Web Und der hatte meiste eine andere Form.

      • 'Stange > Barren', vgl. Stollen

        • Die in Web gezeigten germanischen "Eisenbarren" sind Rohschwerter, denen man ihre spätere Verwendung schon ansieht.

        • Die keltischen Barren wiegen 5-6 kg und sind an beiden Enden zugespitzt. Als Rohlinge für Steinhauerwerkzeuge sind sind zu schwer. Es handelte sich eher um genormte Einheiten für den Handel. Die merkwürdige Form ist aber ungeklärt.

      • 'Barren' kommt als Bennennungsmotiv für Stahl kaum in Frage.

      • 'Standort, Hütte > Werkstatt' wie Stadel

      • "Aufrecht gestanden" hat auch der Rennofen.

    • *stāi- 'verdichten' P1010f

      • Stein könnte man verstehen als 'hart'.

      • Aber nur i-haltige Wörter und keine mit -l

    • *(s)tel- 'fließen lassen, harnen' P1018

      • *stal-, griech. 'tropfen', wgerm. 'Wasser lassen' (ähnlich wie bei Bronze)

    • *stel- 'stellen' P1019

      • interessante Zusammenhänge bei griech

        • στελεά steleá, στελεός steleós 'Axtstiel'

        • στήλη stḗlē, dor. στάλα stā́la 'Säule', < stā́la, nicht < *stalna

        • thess. στάλλα stálla < *stalna 'Säule'

        also 'Stiel' > Axt (= and.) > Stahl?

        • Auch andere Geräte nannte man nach dem Stiel (Speer 'Stange'). Hier wurde das Wort für Stiel aber auf das Ganze übertragen, nicht auf den Eisenteil.

      • germ. stall- bedeutet nur 'Standort, Wohnung, Stelle, Gestell, Stall', nicht 'Schuppen, Werkstatt'

    • bulg. стомана stomana 'Stahl'

      • < griech. στόμωμα 'Mündung; das Zugespitzte; Härte; Stahl' < στομοῦν 'den Mund verstopfen, mit einer Öffnung versehen; mit einer Spitze, Schneide versehen, spitzen, schärfen; härten, stählen'

        • < *'eine Spitze in die Mündung des Stiels setzen'? Altsteinzeitliche Schneiden und Spitzen hatten kein Loch für die Handhabe, sondern wurden in ein Loch im Holz eingesetzt.

Erklärung

  • Ähnlich lässt sich dt. Stahl verstehen:

    • Die Ausgangsbasis ist gleichgültig, ob Stiel, Stake, Stock oder staclan:

      • In der Steinzeit hat man den Stiel gehärtet, indem man scharfe Steine eingesetzt hat.

      • Beim Schmieden z. B. einer Axt wird nicht das ganze Eisen gehärtet, sondern nur die Schneide, da wird also an das weiche Eisen eine Stahlschneide angesetzt.

    • Genauso war in der Steinzeit lat. acies ein scharfer Stein.

    • Genauso wurde bei griech. στομοῦν stomoûn Mündung des Holzes durch einen eingesetzten Stein gehärtet und geschärft.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019