Diskussion stibitzen

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

 

Befund

  • DTA

    • 1826 stipitzen

    • 1834 stibitzen

    • 1868 stiebitzen

    • 1893 stibiezen

Theorien

  • Kluge (1894) 362

    • stibitzen (Ztw. (früher Literaturbeleg als wegstipitzen in Bürgers Gedicht "zum Spatz" V. 18) im 18. Jahrh. als Wort  der Studentensprache aufkommend und bezeugt (gebucht bei Kindleben 1781, aber bei Adelung noch fehlend.   Die Studentensprache des 17/18. Jahrhs. hatte mehrere Synonyma, vielleicht unter dem Einfluß des Rotwelschen (s. soppen und pumpen), das sich im 17. Jahrh. auch der sg. pi- oder bi-Sprache bediente: stipitzen etwa darnach für stitzen. Sonst ist -itzen als Intensivsuffix aus dem Baier. bekannt.

  • DWB (1941)

    • STIBITZEN, stipitzen, vb. , heimlich und listig kleinigkeiten entwenden.

    • herkunft und form.

      • seit dem 18. jh. bezeugt, zufrühest in der gleichbedeutenden zusammensetzung wegstibitzen ... (doch sieh auch unten stibitzer, m., seit 1706 belegt).

      • 1781 und 1795 in der form stibitzen als studentisch gebucht ...

      • um die gleiche zeit lexikalisch auch auszerhalb des studentischen bereichs: ...

      • früh auch als mundartlich bezeugt: stiewitzen ...; stipizzen ....

      • jetzt gemeingut der niederen umgangssprache und mundartlich auf dem ganzen sprachgebiet, ...

      • das wort ist formal sehr vielgestaltig.

        • die art des labials schwankt von anfang an. in der schriftsprache ist -p- bis in das 19. jh. häufig... heute hat sich -b- schriftsprachlich durchgesetzt. —

      • der vocal der mittelsilbe ist gewöhnlich kurz, lang nur mundartlich, bes. ostmd....

      • stibitzen trägt den hauptton auf der mittelsilbe

      • das partic. wird in der regel ohne präfix ge- gebildet; gestibitzt mehrfach mundartlich,

    • die herkunft des wortes ist nicht völlig geklärt.

      • gewöhnlich wird es als streckform zu mundartl. stîzen 'stehlen' ... gestellt, gebildet durch willkürliche infigierung einer lautgruppe,

        • und zwar nach Kluge ... -bi-, -pi- in der schüler- oder auch gaunersprache,

      • ebenso wird das vereinzelt schon 1764 bezeugte stribitzen (s. d.) von mundartl. striezen, stritzen abgeleitet, ...

      • andere anknüpfungsversuche: an nd. stippen 'sich eine sache aneignen'...

      • in der gaunersprache 'durch heimliches hineinlangen wegnehmen, namentlich von kleinern gegenständen' ...

      • schwäb. stippen, stibben 'einen stosz geben, betteln'

      • vgl. noch in derselben bedeutung 'stehlen' wörter wie stiepsen, stipsen ...

    • bedeutung und gebrauch.

      • stibitzen gehört, ebenso wie z. b. mausen, klemmen, klauen, zu den zahlreichen mildernden und abschwächenden ausdrücken für stehlen ...

      • von Kindleben wird es mit stehlen gleichgesetzt, doch ist es von vornherein von diesem differenziert, vor allem durch fast ausschlieszliche beziehung auf geringfügige gegenstände, meist auch durch eine 'nebenbedeutung des listigen und feinen' ... und durch einen spaszhaft-vertraulichen beiklang.

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • stibitzen Vb. ‘heimlich und listig Kleinigkeiten entwenden’, in den Mundarten (stibitzen, stipitzen, stiwitzen, stripitzen) verbreitetes, seit dem Anfang des 18. Jhs. auch in der Studentensprache bezeugtes Verb. Etymologie ist nicht geklärt.

    • Vielleicht ist es eine durch Einfügen der Lautgruppe -bi-, -pi- gestreckte Form von mundartlichem stīzen, strīzen ‘stehlen’;

    • Einfluß von nd. stippen ‘sich eine Sache aneignen’, eigentlich ‘durch Eintunken erwerben’ (s. d.), rotw. ‘kleinere Gegenstände stehlen’, schwäb. stippen, stibben ‘einen Stoß geben, betteln’ ist möglich.

  • Kluge (2013) 884

    • stibitzen Vsw, std. stil (18 Jh.) Zunächst ein Wort der Studentensprache. Es ist offenbar ein Wort der 'bi-Sprache', indem in das regionale stitzen hinter den Vokal die Silbe bi eingeschoben wird.

    TH 02.2022

    • Der Stamm ist doch eher *stëʙ- / *styʙ-

    • wie Dieb < germ. *śteupan 'abhacken'

    • hess. stripsen 'stehlen'

      • DWB STRIPSEN, vb.

        • 1) 'kleinigkeiten (heimlich) wegnehmen, stehlen'. nur mundartlich bezeugt; ostmd. allgemein verbreitet, westmd. (mit ausnahme von sdribsen Hofmann niederhess. 234a) dafür strippen, s. 2strippen 2, sp. 1621; obd. nur bei Martin-Lienhart elsäss. 2, 635a.

        • 2) stripsə melken Hentrich Eichsfeld 72; s. 2strippen 3. vgl. auch strippssel die letzten milchstrahlen beim melken Stürenburg ostfries. 268b; stripsel gemolkenes Doornkaat Koolman 3, 340a.

      • Elsass: stripsen = stripitzen

        • also strip-s-en > *stripzen > mit Gleitlaut strípitzen > stipítzen

        • als vermeintlich obd. > mdt. stibitzen

Diskussion

  • Kluge (1894)

    • pi- oder bi-Sprache = Kluge (2013)

      • Facebook 09.02.2022

        • Die "Bi Sprache" ist eine Jugend- und Sondersprache und Redensart, die ursprünglich im Bonner Raum verwendet wurde und inzwischen seinen Bekanntheitsgrad auf den gesamten Rhein-Sieg-Kreis und teilweise darüber hinaus ausgeweitet hat.

          Das erste Dokument in der Literatur, welches die "Bi Sprache" verwendet hat, ist ein Gedicht von Joachim Ringelnatz aus dem Jahre 1928 - mit dem Titel "Gedicht in Bi Sprache" - ob er aber somit auch als Erfinder der "Bi Sprache" angesehen werden kann, ist nicht sicher. Womöglich gibt es die Bi-Sprache in Form einer Geheimsprache schon weitaus länger.
          Sie wird dazu verwendet, das gesprochene Wort für andere unverständlich zu machen. Dabei wird bei den Wörtern die für andere unverständlich sein sollen, ein "bi" nach einem Vokal im Wort angehängt. Zum Beispiel: "Ja" wird durch Einsetzung der Bi Sprache zum "Jabi", bei Wörtern mit mehr als einem Vokal wird ein "bi" an das längere oder hervorstechend klingende Vokal gehängt wie z.B. "Mebinschen" (Menschen) oder nach Doppelvokalen wird ein „bii“ angehängt wie z.B. bei "kaubiifen" (kaufen). Zu beachten ist auch das wenn vor dem angehängten "Bi" ein kurzer Selbstlaut steht, man das "i" vom angehängten "Bi" ebenso kurz spricht und dementsprechend lang ausspricht wenn vor dem angehängten "Bi" ein langes Vokal steht, ähnlich wie nach einem Doppelvokal.
          In Bonn geht man davon aus, das diese Redensart ab den 40er Jahren zu erster Beliebtheit gekommen ist. In den 90er Jahren war es schon eine übliche Redensart unter allen Jugendlichen, insbesondere in den "Sozialen Brennpunkten" der Bundesstadt. Heutzutage ist die "Bi Sprache" eine etablierte Bonner Redensart und vereinzelt gibt es auch schon Bonner Musiker wie XATAR & SSIO, welche die "Bi Sprache" in ihren Texten verwenden.

      Da *stîzen aber kein bekanntes Wort ist, kann man es nicht "chiffrieren" und als Geheimwort verwenden.

  • DWBPfeifer

    • hauptton auf der mittelsilbe

      • Fremdwort oder Fremdwortbetonung wie bei lebéndig

    • Streckform = Zerdehnung von stîzen

      • als eigenes Lemma im DWB nicht erwähnt, Schreibfehler oder Rückschluss?

    • wie stribitzen < striezen, stritzen

      • DWB striezen, stritzen, strutzen 'stehlen, entwenden, sich aneignen'

    • vgl.

      • nd. stippen 'sich eine sache aneignen' + schwäb. stippen, stibben 'einen stosz geben, betteln'

        • ✳mit dem Finger berühren✳ < *śtippen

      • in bedeutung 'stehlen' wörter wie stiepsen, stipsen ...

  • TH

    • Der Stamm ist doch eher *stëʙ- / *styʙ-

    • wie Dieb < germ. *śteupan 'abhacken'

      • kaum wahrscheinlich

    • hess. stripsen 'stehlen', < intens. zu streifen

      • Elsass: stripsen = stripitzen zeigt den Zusammenhang.

        • strip\i/tzen: Einfügung eines Gleitlauts

        • stripitzen: Ausfall des r (Lautvereinfachung) wie sprechen = engl. speak

Erklärung

  • + Gleitlaut - r

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Datum: 2022 | Aktuell: 11.02.2022