Quellen und Diskussion Treppenwitz

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

  • Diderot, Paradoxe sur le comédien (1773) 383

    • Cette apostrophe me déconcerte et me réduit au silence, parce que l’homme sensible, comme moi, tout entier à ce qu’on lui objecte, perd la tête et ne se retrouve qu’au bas de l’escalier = Dieser Verweis verwirrt mich und bringt mich zum Schweigen, weil ein einfühlsamer Mensch wie ich ganz und gar über dem, was man ihm entgegenhält, den Kopf verliert und sich erst am Fuß der Treppe wiederfindet."

  • Gutzkow, Karl, Der Zauberer von Rom (1858ff) 7,307
    (1850 bei Grimm falsch!)

    • jetzt verstand er, was man 'Treppenwitz' nennt; demosthenische [geistreiche] Reden blieben auf seiner Zunge liegen

  • Hertslet, William Lewis, Der Treppenwitz der Weltgeschichte. Geschichtliche Irrtümer, Entstellungen und Erfindungen (1882)

    • Der Geschichte fällt geradeso wie dem von der Audienz die Treppe herunterkommenden Bittsteller ein pikantes, gerade passendes Wort fast immer erst hinterdrein ein. Nur wird es ihr leichter als dem Bittsteller, das Versäumte nachträglich in das Protokoll eintragen zu lassen … Deutsche Biographie - Hertslet, William Lewis

    • Beispiel aus diesem Buch (1905) 199

  • Verlaine, Corresp.,t. 2, (1886) 58

    • L'autre jour, avec cet esprit de l'escalier qui me caractérise, j'ai réfléchi ... = Am andern Tag überlegte ich mit dem Treppenwitz, der für mich typisch ist...

  • Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches (1900), 2,169

    • Wie der Witz mancher Menschen nicht mit der Gelegenheit gleichen Schritt hält, so daß die Gelegenheit schon durch die Türe hindurch ist, während der Witz noch auf der Treppe steht.

  • Freud, Die Traumdeutung (1900/2017)

    • Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit.

Diskussion

  • Wenn der französische Ausdruck erst 30 Jahre später als der deutsche bezeugt ist, sollte man eigentlich annehmen, dass er aus dem Deutschen stammt.

  • Diderot schreibt nicht, dass ihm eine Antwort erst unten auf der Treppe eingefallen ist, sondern dass er verwirrt war, den "Kopf verloren" und sich erst unten auf der Treppe wiedergefunden hatte.

    • Das kann man im herkömmlichen Sinn verstehen: Die Denkblockade löste sich erst, als er gegangen war.

    • oder bildlich: ein tiefer Absturz aus der geistigen Höhe des Gesprächs, das sich nicht weiterführen ließ.

    Wenn einem wie Diderot ein Einwand die Sprache verschlägt, geht man nicht einfach, sondern macht eine kurze Pause, antwortet oder wechselt das Thema oder der aufmerksame Gesprächspartner wird die Pause überbrücken. Das ist also eine ganz andere Situation als die im "Treppenwitz" vorausgesetzte.

  • Möglichweise war esprit d'escalier ironisch gemeint, ein Geistesblitz, der mühsam die Treppe hochkommt, also erst nach langem Nachdenken.

  • Die bekannte Erklärung 'geistreiche Antwort, die einem zu spät einfällt, wenn man schon auf der Treppe ist, stammt von Hertslet und ist sicher nicht ursprünglich.

    • Dessen "Treppenwitz der Weltgeschichte" zeigt eine Menge falscher historischer Darstellungen auf, ursprünglich wohl im Sinn von 'erst nach dem Ereignis erkannte Pointe', was aber durch das angesammelte Material  kaum noch zum Ausdruck kommt.

    Dass es auch andere Deutungen gab, zeigt Nietzsche: vom Witz, der mit der Gelegenheit nicht Schritt halten kann

  • Daher die heutige Ratlosigkeit:

    • Duden: 'Vorfall, der wie ein schlechter Scherz wirkt'

    • DWDS: 'Begebenheit, die wie ein Witz wirkt, weil sie zu einem bestimmten, historischen Vorgang, Ereignis im Widerspruch steht'

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019