Diskussion trocken

Befund

  • nur germ. Pfeifer 1463

  • aengl. drýge 'trocken' 89

  • anl. drugi 'trocken, wasserdicht' #

  • and. drokno 'trocken' 13f

    ahd. trockan, truckan 'trocken' 319

Theorien

  • Grimm|22,727 f (1952)

    • auszerhalb des westgerm. wird die wurzel nur durch an. draugr 'baumstamm' bezeugt, wenn es urspr. 'trockner baumstamm' bedeutet hat. über das germanische hinaus hat sich keine verläszliche spur der wurzel finden lassen.

    • dasz sie nicht mit idg. gh, sondern mit k anzusetzen ist, wird durch ags. dréahnian 'seihen' wahrscheinlich gemacht.

    • bildung und form von trocken sind nicht leicht zu verstehen.

    • da es eine oft behauptete geminierende wirkung des n auf vorhergehenden verschluszlaut nicht gibt

    • und andrerseits lautsymbolische konsonantendehnung bei adjektiven nur innerhalb bestimmter bedeutungskreise vorkommt, faszt man am besten ... ahd. truckan als rückbildung aus artruknen, der symbolisch gedehnten seitenform des lautgesetzlichen ...  artruhnen ... auf

  • Pokorny (1959/2002) 252 ff

    • 2. dher- 'halten, festhalten, stützen'... dhereugh: (dazu die Wörter für trocken)

    • genauer Kluge 2002

      • trocken... (8. Jh.), mhd. trocken, trucken, ahd. truckan Stammwort. Neben mndd. droge, drūge, mndl. droge, druge, ae. dryge und mndd. dröge, mndl. droog. Semantisch ist ein Anschluß an anord. drjúgr "dauernd, reichlich", nordfr. drīch "lange vorhaltend" möglich, weiter zu lit. drúktas "dick, fest, stark" (zu ig. *dher- "halten"). Die Bedeutungsentwicklung geht von "haltend, fest" zu "trocken"...

      <> Das einzige, was dafür  spricht, ist das erschlossene Grundwort *dhereugh-, das auch trocken zugrunde liegen kann. Aber  die angenommene Bedeutungsentwicklung überzeugt nicht. Dann eher ein homonymer Stamm, der zufällig nur im Germ. überliefert ist.

  • Pfeifer (1995 / 2005) 1463

    • mit aus g geschärftem k vor n

    • zu anord. draugr '(Baum)stamm'?

    • Substratwort?

Diskussion

  • Anord. draugr 'Baumstamm' gehört doch eher zu germ. trewa 'Baum' und Trog mit Anlautmutation. Welche Gründe zur Mutation führten, kann ich nicht sagen. Ich erkenne nur die lautliche und semantische Ähnlichkeit.

  • Aengl. dréahnian bedeutet nach Hall 87 'drain, strain out = abfließen lassen, ausgießen', ist das heutige drain und wäre germ. *drauħnian.

    • Wenn es mit trocknen verwandt ist, müsste das Grundwort nicht *dʰrügʰ-, sondern *dʰrük- lauten, aus dem wurde nach dem Vernerschen Gesetz

      • *dʰrukiós > germ. *druḣjaż > anl. drugi 'trocken'

      • *dʰraúk- > germ. *drauħ- > aengl. dréahnian.

    • Wenn das germ. Wort für 'trocken' ein Fremdwort wäre, könnte man auch vgerm. d- statt dʰ ansetzen. Dreahnian könnte dann zu *drëʊ- 'laufen, fließen' gehören, das aber in Europa nur in Flussnamen erhalten ist.

    • Man kann auch 'seihen' übersetzen, dann würde dreahnian erinnern an roman. *dragiu 'Sieb' Meyer-lübke 2762a, ein unsicher erschlossenes Wort, dessen Herkunft unbekannt ist.

    Eine Verwandtschaft von dreahnian mit trocknen ist möglich, hilft aber auch nicht das Grundwort zu finden.

  • eigene etymologische Lösungsversuche:

    • nach Pokorny:

      • 1023 (s)ter-g- und (s)tre-g-, Aisl. Part. storkinn 'geronnen, erstarrt', aisl. storkna 'gerinnen', ahd. ki-, erstorchanēn 'erstarren, erkalten'

      • 1073 lat. tergo 'abwischen, abtrocknen, reinigen machen', dazu griech. στεργίς stergís 'Schabeisen' Georges 2,3072

      • 1078 ters- 'trocknen, verdorren' (germ. þ-)

    • zu trinken, dessen Herkunft ebenfalls unklar ist

      • Sind trocken und trinken Anlautvarianten von *ters-, das man dann als *ter-s verstehen müsste?

      • von der Bedeutung her naheliegend, lautlich unbefriedigend

    • trocknen = drücken 'auspressen', im Anlaut künstlich differenziert? Eher unwahrscheinlich.

    In allen Fällen stimmt der Anlaut nicht, kommt also nach den klassischen Regeln nicht in Frage.

    • Es ist doch aber nicht zu leugnen, dass es Anlautvarianten gibt, die ins Vorindogermanische zurückgehen, das einen stellungsbedingten Wechsel bei den Verschlusslauten hatte, keine festen Phoneme wie dʰ, d und t.

      Beispiel Pokorny

      • 257 dherāgh- 'ziehen, am Boden schleifen'

      • 1089 trāgh- 'am Boden schleppen, sich bewegen, laufen'

    anders:

    • 'durch einen Graben entwässern' zu Pokorny 257 dherāgh- 'ziehen, am Boden schleifen'. Die slaw. Verwandten bedeuten 'Weg (russ. дорога dɑróga 'Weg' PK 156, aserb. draga 'Tal' Vasmer 1,363). Die Wörter für 'Weg' bedeuten oft auch 'Wasserlauf'.

      • Dann müsste aengl. dreahnian anders erklärt werden.

  • Lautung:

    • O neben u lässt sich erklären als Umlaut vor a, o oder e KraheG 1,57

    • Die Grundform war wie and. drugi mit nicht gekennzeichnetem Umlaut, also [drygi], durch spätere Lautentwicklung > ö.

    • Die von Grimm geleugnete Konsonantengemination vor n ist nach KraheG 1,106 "sehr selten", für n hat er als Beispiel nur *drukna- 'trocken', bringt aber auch ein Beispiel für m (got. maiþums 'Kleinod' = ags. māđđum). Da die Gemination eintritt "stets... vor j, seltener vor r und l, gelegentlich auch vor w, m und n", kann man das wohl als zutreffende Regel akzeptieren.

    • Viel häufiger aber ist doppelter Verschlusslaut entstanden durch Assimilation mit n (Locke < germ. *luknaz = lit. lúgnas 'gebogen' KraheG 1,114). Das kommt aber für trocken nicht in Frage.

    • Grimm "lautsymbolische Konsonantendehnung" entsteht bei nachdrücklichem Sprechen (z. B. bei Namen) und variiert teilweise die Bedeutung (KraheG 1,122). War mnd. drog feuchter als mhd. trocken? Man sollte doch eher an einen Einfluss des folgenden n denken.

Erklärung

  • keine ohne die begründbare Zusatzannahme, dass es im Vorindogermanischen nur d und t und einen stellungsbedingten Wechsel gab. Dann lassen sich trocken und trinken an dörren anschließen und auf eine gemeinsame Wurzel *τër- anschließen.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019