Diskussion Winter

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • germ. *wintar 'Winter'

    • got. wintrus, aengl. wintar, and., ahd. wintar, anord. vetr 'Winter'

Theorien

  • Adelung (1793-1801) 4,1564

    • ... bey dem Ulphilas mit einer geringen Veränderung der Ableitungssylbe, Wintrus; woraus das hohe Alter dieses Wortes erhellet, welches noch eines von denen ist, welches schon vor der Trennung der Deutschen und der mit ihnen verwandten Völker vorhanden gewesen seyn muß.

    • Die Sylbe er ist die Ableitungssylbe, welche ein Ding, Subject bezeichnet.

    • Die erste Hälfte ist unser Wind, weil in dieser Jahreszeit die Stürme am häufigsten und heftigsten zu seyn pflegen. Auf ähnliche Art nannten die Römer diese Jahreszeit, Hyems, von ὑειν, regnen, und die Griechen Χειμων, von Χεειν, gießen.

  • Kluge (1894) 408

    • Die verwandten Sprachen gebrauchen dafür einen Stamm ghim (ghiem)... (Lex Salica in-gimus 'anniculus, einjähriges Vieh). Diese idg. Sippe, welche auch 'Schnee' und 'Sturm' bedeuten konnte (vgl. griech. χεῖμα [ kʰeîma] 'Sturm') kann aus lautlichen Gründen der germ. Sippe nicht verwandt sein;

    • sie legt es aber nahe, Zusammenhang von Winter mit Wind zu vermuten... Vielleicht ist Winter (aus windṛ) als 'weiße Zeit' zu fassen und zu altgall. vindo 'weiß' zu ziehen...

  • Grimm (1960) 30,418

    • gemeingerm. wort,

    • das wahrscheinlich zur wz. ed- 'netzen' zu stellen und als 'nasse jahreszeit, regenzeit' aufzufassen ist, vgl. Walde-Pokorny 1, 252 f.;

    • die form mit binnennasalierung idg. *endru- findet lautliche parallelen in lat. unda 'woge' und lit. vandů̄ 'wasser'

  • Pfeifer (1995 / 2005) 1571

    • Winter m. Die Herkunft der Bezeichnung für die kalte Jahreszeit ahd. (8. Jh.), asächs. wintar, mhd. winter, winder, mnd. mnl. nl. aengl. engl. winter, anord. vetr, auch ‘Jahr’ (aus urnord. *wintruʀ), schwed. vinter, got. wintrus ist nicht sicher geklärt.

    • Vergleicht man lat. unda ‘Welle, Woge’ und lit. vanduõ ‘Wasser’, so kann auch für Winter an eine Nasalierung der unter Wasser (s. d.) angeführten Wurzelerweiterung ie. *aud-, *u̯ed-, *ū̌d- ‘Wasser’ gedacht und Winter als die ‘nasse Jahreszeit’ interpretiert werden.

    • Erwogen wird auch Anknüpfung an air. find ‘weiß’.

    • Mezger in: Zs. f. vgl. Sprachforsch. 76 (1960) 306 f. stellt dagegen eine Verbindung zu ahd. winistar, mhd. winster, aengl. winstre, anord. vinstri ‘link’ (s. link) her und setzt eine gemeinsame Ausgangsbedeutung ‘weg, abgewendet’, d. h. ‘von Süden, von rechts abgewendet’ voraus; als Grundlage nimmt er ie. *u̯e- ‘herab, weg von’ an (s. Westen).

    • Da die Germanen die Jahre nach Wintern zählen, kann man annehmen, daß der Winter der Beginn des in zwei Hälften (Winter und Sommer) geteilten germanischen Jahres ist.

  • Kluge 2002

    • Winter (8. Jh.), mhd. winter, winder, ahd. wintar, as. wintar. Aus g. *went-r- (oder -i-), vermutlich r-Stamm m. ...

    • Herkunft unklar.

      • Man versucht Anschlüsse an air. finn, find "weiß"

      • oder an eine nasalierte Form des Wortes Wasser.

      • Beides ist weder morphologisch noch semantisch ausreichend zu stützen.

      • Auch der Rückgriff auf ig. *we- "weg, abgewandt" ist nicht ausreichend zu stützen.

Diskussion

  • Adelung macht sich als einziger Gedanken über die Ableitungssilbe.

    • KraheG (1965-67) 1,80: Bildungen auf ru- (nicht ergiebig):

      • got. wintrus 'Winter'

      • got. huhrus 'Hunger'

      • got. airus 'Bote'

    • Germ. -t- < -d- kann Gleitlaut zwischen n+r sein (griech. an\d/rós 'Mannes', engl. thun\d/er, frz. Ven\d/redi)

  • Erklärungsversuche:

    • < Wind (Adelung)

      • Dieses oder ein anderes Part. Präs. auf idg. -nt - müsste im Germ. -nþ- > -nd- haben.

    • < kelt. vindos 'weiß (Kluge 1894, Pfeifer erwogen)

      • wäre germ. !wint-, also phonetisch und semantisch möglich.

    • < Wasser (Grimm, Pfeifer)

      • eine pure Vermutung, dass der Winter Regenzeit war (wie heute im Mittelmeergebiet)

    • < winistar 'links' (Mezger)

      • phonetisch unmöglich (Die Jahreszeit heißt nicht Winster)

      • semantisch fragwürdig. "Links" ist je nach Sicht des Beobachters eine Himmelrichtung, keine Jahreszeit. Auch der Rückgriff auf *u̯e- 'abgewendet hilft nicht weiter.

  • Alternativen:

    • zu (sch)winden  Pokorny 1047 (die Tage), ahd. auch swīnan Pokorny 1052.

      • Gemeint wären die schwinden, kürzer werdenden Tage oder die nachlassende Sonnenkraft.

      • aslaw. оувѧдати u-vędati 'verwelken' 147

      kaum wahrscheinlich:

      • schwinden < *-dʰ, das germ. -d- (aengl. swindan) gab.

      • Die Sippe ist außergerm. ni cht gesichert.

      • Auch s-mobile ist nicht gesichert.

    • Da im keltischen Kalender Samonios (Okt./ Nov.) 'Sommer-' und Giamonios (Apr./ Mai) 'Winterende' war, kann es im germ. Kalender genauso gewesen sein. Dem Giamonios entspräche dann ahd. uuinnemānōth 'Weidemonat = Mai' < *wesnja (sn > nn 1.112) > *ʊës- 'verzehren' 1171

      • Dann kann man Winter auch zu ʊesњ 'Frühling' stellen: *ʊesn-rus > *ʊenn-rus > *ʊenn\d/rus > *wintruż

        • vgl. aslaw. вєсна vesna 'Frühling' 150

        • वसन्त vasantá 'Frühling' hat Zwischenvokale. *Ʊesn-rus hätte doch eher *ʊennerus ergeben. Der Verlust der unbetonten Vokale ist spätere Entwicklung.

        Beides kaum wahrscheinlich.

    • neukeltisch:

      • mir. find-uar 'kalt' 307

        • ir. fionnuair 'kühl, frisch' 157 

        • gael. fionnfhuar, fionnar, fiunar 'kühl, kalt' 162

        • Manx feayrey 'kalt, frostig' 71, fynneraght 'Kühle, Kälte, kalter Wind' 78

        zeigt, dass find eine Beziehung zu kalt haben konnte

      • besser: cymr. gwyndra 'Weiße, Blässe' 232

    • Warum nicht !winzar?

      • :: regulär aengl. ent = ahd. enz 'Riese'

      • Vor r hätte Gemination erfolgen müssen, welche die 2. Lautverschiebung verhinderte (engl. bite :: dt. beißen, aber engl. = dt. bitter. Pfeifer| 143)

      • Bei -nt-r unterblieb offenbar die Gemination in der Schrift, trotz verschärfter Aussprache, welche die Verschiebung > -nz- verhinderte.

Erklärung

  • zu kelt. vindos 'weiß'

zurück

 

 

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Email:

Aktuell: 10.02.2019