Diskussion Wisent / Bison

Befund | Theorien | Diskussion | Klärung | Erklärung

Befund

  • Bison 1,427 ff

    • lat. 0"+ bĭsŏn/ -ŏntis 'Wisent'

      • Linné 1758 bos bison 'amerikanischer Büffel'

        • >>nhd. 1778 Bison 'amerikanischer Büffel'

      • griech. 1" βίσων bísōn/ -ōnos 'Wisent'

  • Wisent

    • germ. *wisunt-

      • anord. visundr 'Wisent' 749

      • aengl. wesend (weosend, uusend) 'bubalis, bubalus, urus' = Büffel, Auerochse  'Wisent'

      • anl. 11m" wisent 'Wisent'

        • x bison = mnl. 13b" veson 'Wisent'

      • mnd. wesent 'Wisent' 578  

        i > e ist allgemeine nwgerm. Sonderentwicklung, vgl. aengl. wesle, ndt. wesele 578, ndl. wezel 'WIesel' 482

      • ahd. wisunt, wisant 'Wisent' 1,1078

        • mhd. wisent 'Wisent'

          • nhd. Wisent 'europäischer Bison

    • apr. wissambrs 'Auerochse' 649

Theorien

  • Grimm (1960)

    • die herkunft des wortes ist ungeklärt.

    • vielleicht zusammenzustellen mit dem ersten element von apreusz. wissambrs 'ewer (d. i. auer)' (das zweite element entspricht asl. ząbr 'auerochse') und weiter nach dem moschusgeruch zu ai. visá 'gift', visrá 'nach rohem fleisch stinkend', gr. 'ός 'gift', lat. vīrus 'schleim, saft, gift, gestank',

    • oder zu ai. viṣāna 'horn'?

  • Pokorny (1959/2002) 1134

    • 3. u̯eis- 'zerfließen, fließen (oft in FlN); auch vom tierischen Samen; besonders von der Feuchtigkeit und dem Geruch faulender Pflanzen, unreinen Säften, Gift'

  • PalTier (1899) 134

      • bestätigt von Wisent – Wikipedia 22.06.2017: "Charakteristisch für Wisente ist außerdem ein Moschusgeruch."

  • Pfeifer (1995 / 2005)

    • Wisent m. Der Name der großen europäischen, wildlebenden Rinderart ahd. wisunt (um 800), mhd. wisent(e), wisant, mnd. mnl. wēsent, aengl. wesend, weosend (anord. visundr aus dem Mnd.)

    • kann mit apr. wissambrs ‘Auerochse’, dessen zweites Kompositionsglied mit aruss. zubrь ‘Auerochse’, russ. zubr (зубр) ‘Wisent’ zusammengestellt wird, und mit lat. vīsīre ‘furzen’, spätlat. vissio ‘ Gestank’ sowie den unter ↗Iltis und ↗Wiesel (s. d.) angegebenen Formen an die Wurzel ie. *u̯eis-, (schwundstufig) *u̯is- bzw. (als schallnachahmende Nebenform?) *u̯es- ‘zerfließen, fließen’, auch vom Geruch faulender („zerfließender“) Pflanzen, angeschlossen werden. Grundlage bildet der moschusähnliche Geruch des Tieres in der Brunstzeit.

    • Die germ. Namen (westgerm. *wisund-) dürften als substantivierte Präsenspartizipien (auf ie. -ont-) im Sinne von ‘Stinker, Stinkender’ anzusehen sein. Mit dem Aussterben der Tiere wird die Bezeichnung im Nhd. selten und erst durch Brehms Tierleben wieder verbreitet (19. Jh.).

    • Aus dem Germ. entlehnt lat. bisōn m., griech. bísōn (βίσων) m. ‘Buckel-, Auerochse’, daraus mfrz. (Ende 15. Jh.), frz. bison und (durch Linné in die zoologische Nomenklatur eingeführtes) zoolog.-lat. Bison.

    • Aus dem Lat. rückentlehnt nhd. Bison m. (16. Jh.), anfangs (im Anschluß an die lat. Stammform, vgl. den Gen. lat. bisontis) auch Bysante (1585) und Bisont (1615).

  • Kluge (2013)

    • Wisent ... (8. Jh.), mhd. wisent(e), ahd. wisunt, wisant, mndd. wesent, mndl. wesent ...

    • Aus wg. * wisund- m. "Wisent", auch in ae. wesend (anord. visundr ist aus dem Niederdeutschen entlehnt). Offenbar aus dem Germanischen entlehnt sind l. bisōn (seit dem 1. Jh. n.Chr.), gr. bísōn. Am nächsten verwandt ist apr. wis-sambrs "Auerochse" (wobei das Grundwort dem slavischen Wort * zo̧brŭ für "Auerochse" entspricht).

    • Weitere Herkunft unklar. Am ehesten besteht ein Zusammenhang mit ai. viṣā́ṇā f. "Horn" als "Horntier".

     

Diskussion

  • aind. विषाण viṣâna 'Horn, Stoßzahn, Schere (Krebs), Brustwarze, Spitze, Schlachtmesser'

    • < वि vi 'auseinander, hinweg, ver-, zer-', द्विस् dvis 'zweimal' (fast alles doppelt!), द्विष् dviṣ 'hassen, feindlich sein, wetteifern' (entzwei)?

      • ind. Sonderentwicklung, kommt fürs Eur. nicht in Frage.

  • TH (22.06.2017)

    • Wisent / bisont- ist Part. Präs., also Verbalstamm

    • // FsN Wiesent, vgl.

      • Auerochse / Auerbach

      • aind. उक्ष् ukṣ 'träufeln lassen, besprengen' / उक्षन् ukṣán 'Stier'

      nicht 'stinken', sondern 'fließen (lassen)'

      • *ʊy-s- 'fließen' < adam. *ʊæ- 'Wasser'; das kann fließen oder stehen (und unangenehm riechen).

      • Moschus ist ein Duftstoff und riecht nicht "muffig".

        • Verwandtschaft mit sem. baśamu 'Balsam' (-am kann Suffix sein 248) > Bisam 'Moschus'?

      • Die Bedeutung 'unangenehm riechen' ist nur im Arischen und Arm. nachweisbar. Die eur. Ableger bedeuten 'Fluss, Gift, Schlamm, klebrig', dazu evtl. die Tiernamen Wiesel und Wisent, deren Benennungsmotive nicht eindeutig sind.

    • Auerochse und Wisent lassen sich in der Literatur nicht immer unterscheiden.

      • Germ. *ūraż 'bezeichnet nur das männliche Tier, zu ahd. wisunt (60x) gibt's auch die weibliche Form wisunta (1x). 379 

        • Das liegt an der Seltenheit beider Tiere, die kaum ein Wörterbuchschreiber gesehen hatte.

      • Das wie immer zu verstehende Partizip wisunt kann ein poetischer Name des Wildochsen sein, alliterierend zu wild, Wald, Wiese, Waidwerk

    • Ein reguläres Part. Präsens müsste ahd. wisant lauten. §257 Es steht aber in der Hälfte der Fälle wisunt. 1,1078 Wisunt geht also zurück auf die idg. Tiefstufe *ʊisn̥t, fem. *ʊisn̥tī. 2,88 Das u konnte sich vor i behaupten und wäre sonst o geworden. 1,57  War wisunt die weibliche Form? > unten

      • Bei i / u in den Folgesilben wurde e in der Stammsilbe > i. 1,57 Die Stammsilbe könnte also auch *wes- gelautet haben.

        • aengl. wesend, mnd. wesent 578, mnl. 13b" veson < bison sind spätere Formen und beweisen nichts.

      • In Frage kommen:

        • heth. ʊeši- 'Viehweide', ʊešiıa- 'weiden' #

          • von Tieren nur heth. und arisch, germ. nur  von Menschen

        • japhet. *ʊes- 'feuchten, nass' 1171 f

          • germ. nur mit a < o

          • kommt überein mit dem Wasserwort *ʊys- 'fließen'

      möglich, aber nicht zwingend notwendig

    • w / b in Wisent und lat. bison sind Anlaut-Mutationen Vgl.

      • 0m"- Vesontio, 379 Visontio / 360 Besantio > Besançon 3,255 ff

      • 0e"- Bingium / 3a" Vingo > Bingen 1,422

      Ist die Grundform die historisch früher bezeugte?

    • Germ. w > lat. v. (Weser > Visurgis).

Klärung

  • Form

    • w / b

      • Anlaut-Mutationen: Ursprüngliche Form nicht feststellbar.

      • zu japhet. *ƕeć- 'alt, jung, ein Tier, Jahr'

        • aind. वत्स vatsá 'Jahr, Kalb, Junges, Kind'; lat. vacca, rät. vatga, CH Watzeⁿ 'Kuh' / lat. vitulus 'Kalb'

        • Base / Wase

        • Nominalstamm, kein Partizip, vgl. Elefant

    • wisant / wisunt

      • vergleichbar: germ. *frījōn, Partizip *frījōnðs 'Freund' > afries. friōnd, -ūnd (ŭ?)

      • u ind der Endsilbe ist gekürzt < ō, vgl. ahd. ziuhu 'ziehe' = lat ducō 'führe'

      • also < *wisōn, das selbst denominal sein wird:

        • = got. wizon 'schwelgen'

        • < Wiese < *ʊys- 'sprießen' (evtl. vom tierischen Nachwuchs)

  • Herkunft und Bedeutung

    • *wis-

      • stinken :: fließen

        • 'Stinken' ist unwahrscheinlich, da nur im Arischen nachweisbar.

        • Für 'fließen' sprechen die Flussnamen, besonders:

          • Auerochse / Auerbach

          • Wisent / Wiesent

          Ausgangspunkt müsste aber ein Substantiv sein, das vorliegt in anord. veisa 'Sumpf, Morast, Pfuhl' 709

          • wie rīsan / reis 'sich erheben' > reisa 'Aufbruch' > reisōn 'aufbrechen'.

          • also *wīsan / weis / ḣa-wĭsan *versickern* > veisa 'Sumpf' > *weisōn '?' > ahd. weisunt, weisant 'Luftröhre' 364, Schwundstufe anord. visinn 'verdorrt, eingeschrumpft' 748

          • Daraus ergibt sich aber nicht 'WIsent'.

      • weiden

        • heth. ʊeši- 'Viehweide', ʊešiıa- 'weiden' #

          • könnte zu Wiese gehören: *ʊesis > wgerm. *wisi 'Weide', dann wäre das abgeleitete Verb aber nicht !wisōn, sondern *wisjan.

      • vatsá ist Nomen, von dem man kein Partizip bilden kann.

    • *bis-

      • zu ahd. bīsa 'Nordwind, Sturmwind' 31, bisōn 'sich vergnügen, umherstürmen, tollen' 31

        • *bisōnti wäre also 'stürmend, stürmisch' (Solinus: "schneller als Stiere")

        • Grimm (1860): biesen, aestu exagitari [stark erregt sein] ... bair. bisen, bisern, zumal vom rindvieh, wenn es bei groszer hitze von bremsen gestochen und verfolgt mit aufgestelltem schwanze hin und her rennt...

      • Verwandtschaft mit sem. baśamu 'Balsam' (-am kann Suffix sein 248) > Bisam 'Moschus'?

Erklärung

  • zu ahd. bīsa 'Nordwind, Sturmwind' 31, bisōn 'sich vergnügen, umherstürmen, tollen' 31

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Aktuell: 10.02.2019