Diskussion Wunder

Befund

  • anord. undr 'Unerklärliches, Seltsames' Baetke 681

  • afries. wunder 'Wunder' HoltAfr 133

  • aengl. wundor 'Wunder, Vorzeichen, Merkwürdige Dinge, Monster' (oft x wuldor 'Glanz, Herrlichkeit , Ruhm') Hall 425

  • and. wundar 'Wunder, Verwunderung' HoltAs 90 

  • ahd. wuntar 'Verwunderung, Wunderbares, Seltsames, Wunderzeichen, Staunen' KöblerA 383

Theorien

  • x

  • Kluge (1894) 411 f

    • Das germ. wundra- scheint mit griech. ἀθρέω [atʰréō] (*Ϝαθρέω [*watʰréō]?) 'sehe, schaue, betrachte' auf eine idg. Wz. wendh 'anschauen, anstaunen' zu weisen.

      • Die Kombination ist sehr gewagt. Das griech. Wort ist so isoliert wie die germ.

  • Grimm (1960) 30,1782

    • wunder, n., m.

    • ahd. wuntar, mhd. wunder, as. wundar, wonder, afries. wunder, ags. wundor (nl. wonder), an. undr, schwed. dän. under.

    • die herkunft des wortes ist dunkel, vgl. Kluge-Mitzka 17 871b. einen überblick über die älteren herleitungsversuche gibt Helen Adolf in: the journal of English and Germanic philology 46 (1947) 395 ff., bes. 404 f.

    • ebendort ein neuer versuch, über ein germ. adjektiv *wundra- in der bedeutung 'verwickelt, verflochten, perplexus', für das in der rätselhaften abrogans-glosse alternis uoundarlihem ahd. gl. 1, 40, 35 St.-S. als dem derivat eines adjektivs *wuntar ein zeugnis vorliegen soll, einen mit wintan 'torquere, plectere' gemeinsamen anschlusz an idg. *ṷendh- 'plectere' zu gewinnen und damit die wortgruppe wunder auf einen mit den wichtigsten übrigen wörtern des begriffsfeldes furcht — wunder vergleichbaren ansatzpunkt zurückzuführen.

      die hypothese ist nicht glaubhaft, da nirgends sonst im abrogans in allen drei hss. d = germ. d steht, die angenommene bildung *wundra- zu windan keine parallelen hat und die bedeutung nicht paszt: 'verflochten' ist nicht 'abwechselnd'. auch der anschlieszende versuch, im bereich des germ. *wundra- hinsichtlich der bildungen eine prioritätsfolge adjektiv — verbum — substantiv und für letzteres zunächst 'verwunderung', erst später 'gegenstand der verwunderung' als bedeutung anzusetzen, finden im literarischen gebrauch des ahd. wie des as. keine stütze; und das ags. und an. sprechen deutlich dagegen.

      • alternis uoundarlihem: kann man auch verstehen als 'mal so, mal so erscheinend', daher wunderlich. Also keine genaue Übersetzung.

  • Kluge 2002

    • Wunder (9. Jh., wuntarlih 8. Jh.), mhd. wunder, ahd. wuntar, as. wundar. Aus g. *wundra- n., auch in anord. undr, ae. wundor. Herkunft unklar. Vielleicht eine ro-Ableitung zu winden, vgl. l. perplexus "verworren, unergründlich", zu l. plectere "(ineinander) flechten". Die Bedeutungsentwicklung wäre dann von "verworren, unergründlich" (von den Sachen) zu "verwirrt" (von den Personen) gegangen und dann auf andere Objekte übertragen worden. Adjektive: wunderbar, wunderlich; Verb: wundern.
      Ebenso nndl. wonder, ne. wonder, nschw. under.

      • von Grimm widerlegt

  • Pfeifer (1995 / 2005) 1583

    • Alle bisherigen Anknüpfungsformen sind unbefriedigend; vgl. H. Adolf in: JEPG 46 (1947) 395 ff.

Diskussion

  • Die Grundbedeutung dieser subjektiven Bewertung ist kaum zu ermitteln:

    • KöblerD (1993) W188: lat. Glossenwörter:

      • Erstaunliches:

        • admirari, admiratio, merabilia?, (mirabilis), miraculum, (mirari), (mirus), mirificare

      • Verblüffendes, Erschreckendes:

        • (stupere), (stupor)

      • Großartiges:

        • magnalia

      • Zeichen:

        • (monstrum)

        • ostentum

        • portentum

        • prodigium

        • (signum)

      • Seltenes:

        • (novum)

      • Sehenswertes:

        • spectaculum

        • visio

    • Das entspricht in etwa den aengl. Bedeutungen.

    • wahrscheinlich Lehnbedeutungen < lat. mir-

  • Form

    • herkömmlich: *wundra < *vn̟dʰ-ro

    • oder *wun\d/ra < *vn̟-ro

      • mit (unregelmäßigem) Gleitlaut, vgl. griech. anḗr / andrós 'Mann', lat. Veneris dies > frz. Vendredi 'Freitag', aengl. þunor > engl. thunder, cymr., corn., bret. gwan 'schwach' / gwander 'Schwäche'

    • Auffallende Parallele aengl. wundor 'Wunder' / wuldor = got. wulþus 'Herrlichkeit' = lat. vultus 'Angesicht', anord. GN Ullr GrimmM 3,80

      • Wulþus und vultus haben u-Stamm mit Endung -us > *wunðuż > wundor

      • Bei wundor / wundres Hall 425 ist -or Suffix, nicht Endung.

        • kaum < idg. s-Stamm  wie lat. Venus / Veneris

        • sondern Suffix wie im GN aengl. Þunor, ahd. Donar KraheG 3,79 < *Tn̟rós

  • Benennungsmotive:

    • 'begehrenswert, wunderschön'

      • < *ʊën- > *ʊn̟rós *wunderbar*,  vgl. lat. venerare 'verehren' < venus? (andeutungsweise auch KöblerD)

      • Beispiele für Wörter auf -ros KraheG 3,78f

        • Adjektiv: griech. μακρός makrós 'lang', lat. macer = dt. mager

        • Substantiv: griech. ἀγρός agrós = lat. ager = dt. Acker

        *Ʊn̟rós *wunderbar* war eher Adjektiv

    • 'selten, kaum vorhanden'

      • < idg. *hʊänos 'nicht vorhanden'

      • kommt kaum in Frage, da die Seltenheit eher ein Nebenaspekt ist

Erklärung

  • dann doch wohl als 'begehrenswert, wunderbar' < *ʊën-

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019