Diskussion Greif und Cherub

Befund

  • griech. γρύψ grýps

    • lat. gryps, gryphus, splat. grypho

      • ahd. grīf(o)

        • mhd. grīf(e)

          • nhd. Greif

  • semitisch

    • hbr. כרוב kərûb , Pl. כרובים kərûbîm

      • griech. Bibel χερουβίν kʰeroubín

        • lat. Bibel > nhd. Cherubim

Theorien

  • Greif

    • JaSei (1862) 313-316

      • γρυπαίετος [gryp-aietos] 'Greifadler, fabelhaftes Tier

      • γρυπός [grȳpós] 'gekrümmt' Magen, Kranz, vorzugsweise von der Gestalt der Nase, 'mit einer Habichtsnase'

      • γρυπόω [grȳpóō] 'krümmen, biegen'

      • γρύψ [grýps / grȳpós] 'der Greif, fabelhaftes vogelartiges Tier'

      • γύπη [gýpē] 'Geiernest'

      • γύψ [gýps / gȳpós] 'Geier

    • Pokorny (1959/2002)

      • 385 ger- 'drehen, winden'

        • 388 Wurzelform gr-eu-...

          • 389 Labialereiterungen:

            • greu-p-... γρύψ ,,, [grýps] (nach dem krummen Schnabel und den krummen Fängen)

      • 393 gēu... 'biegen, krümmen, wölben'

        • 395 Labialerweiterungen; gupa 'Erdhöhle'

          • Griech. γύπη [gýpē] 'Erdhöhle, Schlupfwinkel., Geiernest' (Hesych); γύψ ... [gýps] 'Geier' (vom krummen Schnabel oder den krummen Klauen)

          Gupa bezeichnet sonst konvexe oder konkave Wölbungen, Die Wurzel geu- auch zweidimensionale Biegungen.

    • Hofmann (1966) 48 f

      • γρυπός [grȳpós] 'mit einer Adlernase'... zu ahd. krump, nhd. krumm

      • γύψ [gýps] ... Geier: als mit krummen Klauen zu γύπη gýpē... 'Wölbung, Höhle'... Wurzel *geu- 'biegen'

  • Cherub

    • GesB (1959) 362 (Abkürzungen aufgelöst)

      • Einige wollen das Wort mit dem griech. γρύψ [grýps] kombinieren und dies von pers. giriften greifen, ableiten, weil die Vorstellungen von den Greifen mit denen von den Cheruben verwandt sind...

      • Wahrscheinlich hängt es aber mit dem ass. karâbu segnen, beten zusammen (siehe zu ברך II [bárek 'segnen']) , vergleiche besonders kâribu segnend, neuerdings mehrfach als Name der Stierkolosse bezeugt...

    • KoeBau (1953 / 2004) 1,473

      • phön. כרבמ krbm

      • akk. kāribu/btu, Partizip von karābu 'weihen, segnen'... 1) Fürbittepriester, 2) Genius (auch kurību) skulptierter mythischer Türhüter... ? γρύψ [grýps]

  • sachlich:

    • Pauly (1975/9) 2,876 f Greif

      • γρύψ grýps... offenbar identisch mit hebr. kerûb..., spätlat. gryphus...

      • Das in fast allen orientalischen Kulturkreisen (ägypt., babyl., assyr., heth., pers., phoin., hebr.) beheimatete, von da in die kretisch-mykenisch, seit der geometrischer Zeit in die griech. Kunst übernommene Fabeltier, ein Mischwesen aus, meist geflügeltem, Löwenkörper und Adlerkopf, doch mit manchen Varianten: Löwenkopf, Schlangenkopf, Vogelhinterfüße, Skorpionschwanz u. a. überall erscheint der G. als dämonisches, höchst gefährliches Raubtier, oft als Trabant, Diener und Wächter von Göttern, bes. Apollon und Dionysos, auch Artemis, in röm. Zeit Nemesis, der er als rächender Quälgeist beigesellt wird... Die griech. Sage kennt die Greife seit Hesiod. Ausgestaltet worden ist sie im 6.Jh. durch Aristeas in seinem Epos 'Aecycloyrsta, aus dem Aischylos und Herodot ... schöpften. ... In der griech. Kunst erscheint der Greif schon in der geometrischen Periode, dann von der archaischen Z. bis zum Ausgang des Alt. außerordentlich häufig, zumeist als apotropäisches Symbol, oft in wappenartiger Paarung, oft auch in Kampfszenen ... sowie rein ornamental in verschiedentlichster Verwendung.

    • Greif – Wikipedia

      • In Ägypten wurde der altägyptische Greif in der Mythologie seit dem Ende des vierten Jahrtausends v. Chr. als ein Wesen des Himmels beschrieben, das eng mit der Sonne verbunden war. In Syrien fand der Greif erstmals im zweiten Jahrtausend v. Chr. Erwähnung. Der in der mesopotamischen Mythologie vorkommende Greif ist dagegen erst seit etwa 1400 v. Chr. belegt.

      • Die in Sumer dem Greif ähnlich erscheinenden Mischwesen werden als Löwen-Greife bezeichnet. Anzu scheint hier ein Vorläufer dieser zu sein und trat von der Akkad-Zeit (2340 v. Chr) bis zum Beginn des neubabylonischen Reiches (626 v. Chr.) in Erscheinung. Es gibt umstrittene Interpretationen, nach denen die Apkallu, sumerischen Halbgötter, Greifen gewesen sein sollen.

      • Aus der griechischen Mythologie ist das Gedicht Arimaspeia von Aristeas überliefert, in dem der Greif in Indien und auf den Riphäischen Bergen die Goldgruben gegen die Arimaspen bewacht.Andere Quellen benennen den Ort als hinter dem Land der Skythen liegend.Aischylos lässt den Okeanos auf ihm reiten und ihn vor seinen Wagen spannen.

Diskussion

  • Man muss unterscheiden zwischen Ikonographie, Mythologie und Etymologie:

    • Ikonographie:

      • Mischgestalten Tier / Vogel / Mensch, besonders die ähnlichen Figuren

        • Mesopotamien: Flügelstier mit Menschenkopf (lamassu, šedu)

        • Vorderer Orient:

          • Flügellöwe mit Menschenkopf (Cherub)

          • als Seitenteile des Thrones (Bild)

        • Ägypten:

          • Löwe ohne Flügel mit Menschenkopf (Sphinx)

          • Hanig 694: sfrr 'geflügelter Vierbeiner mit Vogelkopf, Greif' (ähnlich dem min. Bild)

        • Griechenland:

          • geflügelter Vierbeiner mit Schnabel (Greif)


            minoisches Bild

            Die griech. Vorstellung scheint aus Ägypten zustammen, wo sie seit etwa 3000 nachgewiesen ist. Die Darstellung mit flachem Kopf und Halsband stammt aus dem Mittleren Reich (um, 2000 ). Wikipedia
            Der angebundene, "geparkte" Greif erinnert an ein Reittier,

            • wie es ein Bild aus dem 5" Jh. zeigt: "Apollo auf dem Greif".

              • Parallel dazu heißt es Bibel: Jahwe "fuhr auf dem Cherub und flog daher, und er schwebte auf den Fittichen des Windes." (2 Sam 22,11).

                • Jahwe hat keine Flügel, aber der bedient sich der Flügel des Cherubs.

                • Das mythische Bild wird rationalisierend mit dem Wind gleichgesetzt.

          • Flügellöwe mit Menschenkopf (Sphinx bei Ödipus, Bild)

      • Fazit: Cherub und Greif dienen Göttern als Fortbewegungsmittel.

    • Mythologie:

      • Griechenland:

        • Greif: "oft als Trabant, Diener und Wächter von Göttern, bes. Apollon und Dionysos, auch Artemis"; Hüter des Goldes im Norden (Pauly)

          • // griech. Drache Ladon, der die Äpfel der Hesperiden bewachte.

        • Sphinx: ein Ungeheuer, das dem Wanderer Rätsel stellt und ihn tötet, wenn er es nicht lösen kann (Ödipus)

      • Bibel (nur die ältesten Vorstellungen)

        • Wächter, die den Weg zum Lebensbaum versperren (Gen 3,24 τὰ χερουβιμ, cherubin)

        • ein Wesen aus dem Paradies (Hes 28.14.15 χερουβ, cherub)

        • zwei Figuren im Salomonischen Tempel, zwischen denen die Bundeslade stand (1 Kön 6,23-28; 8,6 -7 χερουβιν cherubin)

        • Fortbewegungsmittel Jahwes (2 Sam 22,11) bzw. Träger des himmlischen Gottesthrons (1 Sam 4,4), später ausführlich beschrieben (Hes 9-11)

      • Fazit: Cherub und Greif hüten Schätze, u. zw. in einer weit entfernten Gegend.

    • Etymologie

      • Da gibt es zwei Möglichkeiten:

        1. Cherub und Greif sind dasselbe Wort. Dafür sprechen

          • die ähnliche Lautung

            • Die unterschiedliche Lautung k-b und g-p lässt sich erklären als Lehnbeziehung, vgl. sem. gamal / Kamel.

            • Griech. grȳp-s setzt einen Konsonanten am Ende des hbr. Namens voraus, wie in der heutigen Lautung kərûb. Zur Zeit Hesiods (nach 700) hatte das Hbr. schon die alten Flexionswendungen -u, -i, -a verloren. In mykenischer Zeit (vor 1000) waren sie wohl vorhanden. Alte Lehnwörter wie κάβος kábos (nicht kaps) 'ein Hohlmaß' setzen auslautenden sem. Vokal voraus (kabu). Grýps müsste also eine jüngere Entlehnung sein.

          • die ähnliche Bedeutung 'geflügelter Löwe'

          • die ähnlichen Vorstellungen vom göttlichen Reittier und Monster, das einen Schatz hütet

        2. Cherub und Greif bezeichnen nur zufällig ähnliche Gestalten. Dafür sprechen

          • die Lautung:

            • Das hbr. Wort hat zwei Vokale (Grundform kărūb / kĭrūb / kŭrūb, GesKa 241) - das griech. Wort nur einen. Der erste Vokal wird auch im Nhbr. noch ausgesprochen. Die Griechen vor Hesiod können also nicht "krub" gehört haben.

            • Umgekehrt hätte aber aus griech. *grūp- hbr. !gərūp werden müssen.

          • Die Bedeutung:

            • Das Fabelwesen an den Seitenteilen des Thron war ein geflügelter Löwe mit Menschenkopf - der Greif hat einen Tierkopf mit Krummschnabel.

        • Kompromiss:

          • Die Griechen haben den semitischen Namen volksetymologisch umgestaltet in Anlehnung an das Wort für 'Krummschnabel' und den Greifen entsprechend anders dargestellt.

          • Die griech. Lautung stammt aus der mykenischen Zeit:

            • Media und Tenues waren stellungsbedingte Varianten, keine Phoneme.

            • Der Murmellaut ə kam in der Schreibung nicht zum Ausdruck.

        Die Argumente sprechen also gegen

        • eine Entlehnung des griech. Wortes aus dem Hbr. und der vorgeschlagene Kompromiss steht auf schwachen Füßen. Vielmehr  muss man wohl das griech. Wort anders erklären.

    • Neuansatz

      • Greif

        • Grýps lässt sich auch aus dem Idg. erklären:

          • naheliegend: zu γρυπός grȳpós 'gekrümmt' (auch von der "Habichtnase"). Vorausgesetzt wird die ältere ägypt. Darstellung des Greifs mit Geierkopf.

          • Die griech. Greifenfigur stammt also aus Ägypten, und bekam einen griech. Namen. Damit ist eine Entlehnung aus dem Sem. ausgeschlossen.

      • Cherub

        • Der mesopotamischen Stierkoloss hieß šedu oder lamassu. Ich bezweifle, dass er auch kāribu / kuribu "hieß", das war allenfalls eine Funktionsbeschreibung, kein Name. D.h. der Koloss diente als kāribu, das war vielleicht nur eine seiner Aufgaben.

        • Das Partizip kāribu 'weihend' entspricht hbr. koreb. Kərūb ist keine Verbalableitung, sondern eine eigene Nominalform.

        • Wie assyr. kirbannu 'Darbringung, Gabe' MussArn 1,435 = hbr. קרבן qárbân 'Darbringung, Gabe' zeigt, können sich auch akk. karābu 'weihen, segnen' und ass. qarâbu = hbr. קרב qárôb 'sich nähern' entsprechen. Osem. kāribu, kuribu 'Genius' kann man also verstehen als einen, der in der Nähe des Gottes ist. (zum hbr. Wechsel von k und q: GesB 328)
          Leider ist die Kopie der Seite mit diesem Wort bei MussArn unleserlich.

        • Ein Genius ist ein geflügelter Mensch, kein geflügelter Stier. Die Angaben bei KoeBau sind also unzuverlässig.

        • Es ist zu befürchten, dass die Orientalisten sich verleiten ließen von der äußeren Ähnlichkeit von kāribu und kərūb und dann durch vielleicht zusätzliche Erwähnung dieses   Wortes im Zusammenhang mit den Stierkolossen sich bestätigt fanden.

        • Die überlieferten Bedeutungen von karābu 'huldigen, beten, darbringen, geloben; gnädig sein, Huld erweisen, jem. segnen' passen nicht zu den biblischen Überlieferungen von den Cherubim als Paradieswächter, Teil des Gottesthrones und Fortbewegungsmittel Jahwes.

      • Man wird darum ikonographisch den kanaanäischen geflügelten Löwen auch vom mesopotamischen geflügelten Stier trennen müssen. Wenn es Gemeinsamkeiten, auch mit dem Greifen, gibt, dann beruhen sie nicht auf Lehnbeziehung, sondern gehen weit in die Vergangenheit zurück.

Erklärung

  • griech. γρύψ grýps 'krummschnäblig, Greif' < γρυπός 'gekrümmt' als Neubebennung der ägypt. sprr-Gestalt

  • das nur wsem. Cherub unerklärt, eher Lehnwort aus dem Ägäischen als umgekehrt.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 28.08.2021