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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Etymologie

Kanne

dt. 'Krug'

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Befund

Erklärung

Überlieferung

Wort und Sache

Form

Herkunft

< germ. *kanwa 'hölzerner Krug'

 

Befund

  • dt. Kanne

    • ahd. kanna, kanella, kannata 'Krug'
      Zugehörigkeitsbildungen: kennih, kenning 'Trinkgefäß'
      kannella und kannata sind lat. / roman. Formen

    • mhd. kanne 'Gefäß für Wein und Met', unterschieden vom größeren Zuber; man trank auch unmittelbar aus der Kanne.
      mhd. ôrenkanne 'mit Henkel'

    • änhd. Kanne [1]
      erklärt als Schenkfass, // Flasche, Hafen, Krug (irden), Schale als Vorratsbehälter :: Glas, Kopf als Trinkgefäß
      Einfache Leute oder Unmäßige tranken aus der Kanne.
      Material Silber, Gold, meist aus Zinn, ursprünglich Holz (14" boumkanne)
      für Wein, Wasser. Bier, Kaffee, Tee, Milch

    • nhd. Kanne 1. 'Gefäß zum Ausschenken mit seitlichem Ohr, Tülle, oft mit Deckel' aus Keramik oder Zinn, für Kaffee, Tee, Wein, Bier, 2. 'zylindrisches Transportgefäß für Milch mit Bügelhenkel und Deckel'
      (moderne Weiterentwicklung des Eimers)

  • dt. Kande 'Kanne'

    • mhd. kante 'Kanne'

    • mhd. kandel, kantel, kannel 'kleine Kanne' für Wein als Handgefäß

    Die Form kann nicht aus lat. cannáta entstanden sein, weil betontes /a/ nicht geschwunden ist, vgl. camináta > kemenâte 'heizbares Zimmer',  castánea > késtene 'Esskastanie', Wormátia > Wórmez 'Worms'.

    • rätoroman. chanta 'Kanne'

  • mlat. canna 'Kanne'
    mlat. cantharus, canterus 'ein Weingefäß' übersetzt deutsch kanna, kanne
    kaneta, kanta, kande, kandel, chenninc
    cantellus 'ein Trockenhohlmaß'

  • lat. cannata Kanne (als Maß)

    • > ngriech. κανάτα kanáta 'Krug, Kanne', κανάτι 'Kanne, Nachttopf, Fensterladen'

    • > alban. kënáçe, kënátë 'Wasserkrug'

  • finn. kannu, estn. kann 'Kanne'

  • ägypt. gn.tj (f. Dual) 'ein Gefäß für Wein', gngn.t 'ein Gefäß für Milch'; gnmyt 'ein Behälter (Bassin?, Korb?)

Erklärung

Überlieferung

Das lateinische Wort ist erst in karolingischer Zeit bekannt. Belegstellen:

  • 742 Canadas duas de vinum = zwei Kannen Wein [2]
    Lat. cannata kann also nicht 'mit einem Rohr (canna) versehen' bedeuten, sondern ist ein Maß, vgl. carrada 'Wagenladung'. Das Wort ist abgeleitet nicht von der Bedeutungf 'Rohr', sondern von 'Gefäß' und setzt das Wort Kanne voraus.

  • 852 Si plus de vino voluerit in butticula vel canna [3] = wenn er mehr Wein will in der Buddel oder Kanne

    Canna wird als butticula 'Fässchen' (später 'Flasche') erklärt. Man kann allenfalls daraus schließen, dass canna kleiner als ein Fass (buttis) und wohl größer als das Trinkgefäß war. Das späte buttis scheint ursprünglich der Weinschlauch aus Leder gewesen zu sein, der später durch Holzfässer ersetzt wurde:

    • 817 barriclos ferro ligatos ...  keine buttes ex coriis [4] = eisenbereifte Fässer, keine buttes aus Leder

  • um 1128 Cannam, scilicet argenteum vas vinarium [5] = Kanne, d.h. ein silbernes Weingefäß.

    Silber ist sicher nur ein Sonderfall. Woraus andere cannae gemacht waren, erfahren wir nicht.

Wort und Sache

Es fällt auf, dass canna erklärt werden muss. Wort und Sache scheinen also neu zu sein.

Was war damit gemeint? Folgende Eigenschaften ergeben sich aus den Quellen:

  1. Die Kanne war ein Weingefäß.

  2. Die Kanne konnte aus Silber sein, war also für den Tisch bestimmt.

  3. "Kanne" diente auch als Maßangabe.

  4. Die Kanne war als butticula kleiner als ein Fass oder Lederschlauch (buttis).

Über das Aussehen ergibt sich aus diesen Stellen nichts. Man muss sich aber fragen, warum in fränkischer Zeit ein neues Wort für einen Weinkrug aufkam. Das lässt sich doch am besten dadurch erklären, dass dieser Weinbehälter anders war als früher. Was könnte anders gewesen sein?

  1. Die Kanne war aus einem anderen Material als bei den Römern üblich.
    Silber war sicher die teure Ausnahme. Keramik oder Glas war bei den Römern üblich. Da mit Beginn des Mittelalters die Glasproduktion zum Erliegen kam, ist Glas auch nicht wahrscheinlich. Eine echte Alternative wären Holzgefäße, entweder aus einem Stück geschnitzt oder mit Dauben und Reifen, wie sie auch in späteren Jahrhunderten bezeugt sind.

  2. Die Kanne hatte eine andere Form. Neu war in dieser Zeit die Röhrentülle, archäologisch nachgewiesen für Gallien und die karolingische Zeit. Noch heute stellen wir uns unter einer Kanne ein Gerät mit Röhrentülle vor.

Herkunft

  • Kanne erklärt sich wohl am einleuchtendsten aus germ. *kanwa 'hölzerner Krug', das nach den Lautgesetzen zu kannu werden musste, wie es im Finnischen erhalten ist.

  • Das erst mhd. kande

    • kann nicht aus lat. cannata 'Kannenfüllung' entstanden sein, wie oben gezeigt. Es kann auch nicht aus griech. κόνδυ kóndy 'Trinkgefäß, Pokal' oder lat. cantus 'Reifen' entstanden sein, weil Kanne die ältere Form ist und die Assimilation -nt- > -nn- im Deutschen und Keltischen erst eine junge Entwicklung ist.

    • ist entstanden aus der mittelalterlichen Neigung, einen Dauerlaut mit einem Verschlusslaut zu stoppen, vgl. mhd. mâne > mânde 'Mond'.

    • könnte beeinflusst sein vom lat. Übersetzungswort cantharus

 

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[1] Grimm Dt. Wb. 11,164-66

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[2] Mabillon , Ann., II p. 704 (ch. a. 742 )

[3] Hincmari capitula presbyteris data c. 16, Migne , t. 125 col. 778.



 

[4] Capitulare de Villis et Curtibus Imperialibus 68

[5] Garlbert c. 61, ed. Pirenne , p. 99.

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Übersicht

Systematik

 

 

 

Datum: 2007

Aktuell: 10.02.2019