Diskussion Seraphim

Befund

  • nur hbr. שרף śáráp, Pl. שרפים śərápʰîm

    • ein schlangenähnliches Fabelwesen, Jes 14,29; 30,6

      • das in der Wüste lebt Deut 8,15,

      • Israeliten tötet Num 21,6 (in der Kultlegende vom bronzenen Schlangenidol, das bis Hiskia im Tempel aufbewahrt wurde)

      • und fliegen kann Jes 30,6

    • Kultdiener mit sechs Flügeln, die Gott loben, mit glühenden Kohlen hantieren und eine kultische Reinigung vornehmen Jes 6,2.6 (der einzige Beleg in dieser Bedeutung)

Theorien und Diskussion

  • GesB (1959) 794

    • שרף [śáráp] möglicherweise von שרף brennen, also: giftig?

      • nach Jacob ... eher wegen der Farbe od. Zeichnung

      • dagegen erklärt Mü.: feuerspeiend und sieht in no. 2 die ursprüngliche Bedeutung

      • gegen die übliche Zusammenstellung mit Šarappu-Nergal...

      • Das Spätägyptische kennt srrf Drache, Greif, Schlange, mit Angleichung eines ursprünglichen sfrr an das Semitische.

        • Hanig 698 sfrr (sfr), 740 srf 'Greif'

          • Bild S. 694: Gepard mit Flügeln und Kopf eines Falken

          • ähnlich, mit angelegten Flügeln touregypt

            • mit Federkrone und Uräus, die Feinde niedertretend: ein Bild für den König.

          • demot. srrf 'Brand, Greif' Demotische Wortliste online (die Bedeutung 'Brand'  = sem.)

          • Der Falke war ein Symbol der Sonne, daher die Kombination "Greif" und "Brand"?

        • sfr kann auch bedeuten: 'ein Salböl; Brautgabe' sfrt (sfry) 'ein Kleidungsstück'

        • Nach Schenkel 50 ff lässt sich eine sem. Entsprechung šbll konstruieren ? = ? hbr. שבלול šabəlûl Ps 58,9 (Bedeutung unsicher), mhbr. 'Schnecke' Dalman Wb 413. Die Schnecke lässt sich als 'schlaffes, schleppendes Tier' verstehen.

          • Die Schnecke ist zwar auch ein Lebewesen, lässt sich aber mit dem langbeinigen und geflügelten sfrr nicht vergleichen,

          • Dagegen könnte sfrt f. 'Kleidungsstück' arab. سبلة sabalā, hbr. שבל šobäl 'Schleppe (am Kleid) entsprechen, zu سبل ¿sabala 'herabhängen, sich lang hinziehen' GesB 802

        • Das schließt nicht aus, dass ägypt. srf 'Greif' als śaráp ins Hbr. übernommen wurde. Dann kommt aber nur eine ungefähre Bedeutung 'Fabeltier' in Frage.

        • Ein Zusammenhang zwischen dem srrf und Saraph ist nach alle dem unwahrscheinlich.

  • WiBiLex: Serafim

    • Verweis auf Skarabäen (auch jüdische, 9./8. Jh.), auf denen Uräusschlangen mit vier Flügeln abgebildet  sind

      • Uräus = äußerst giftige schwarznackige Kobra

        • Etymologie: schwarznackig, also verbrannt (das wäre *śárûf, überliefert ist das f. śərufâ), wirkt gekünstelt.

    • und auf eine Menschengestalt mit sechs Flügeln von Tell Halaf, 9. Jh.

    Das zeigt, dass es keine einheitliche Erklärung gibt:

    • Die Gestalt von Tell Halaf entspricht eher der Beschreibung von Jes 6, erklärt aber nicht die Wüstenschlangen.

    • Die Uräus-Kobra und Siegelbilder passen zu den Wüstenschlangen, aber nicht zu Jes. 6

  • Zu aind. सर्प sarpá 'schleichend, kriechend, Schlange, Schlangendämon', könnte durch die Mitanni vermittelt sein.

    • unwahrscheinlich

  • Ein schlangenähnlicher, vierfüßiger Wüstenbewohner ist der Wüstenwaran, dessen Biss möglicherweise giftig ist. Wikipedia englisch.

Zusammenfassung

  • Ein direkter Zusammenhang mit dem ägypt. Greifen sprr > srrp ist unwahrscheinlich.

    • Der entsprach in seiner Gestalt nicht den Seraphim, sondern den Cherubim.

  • Das biblische Wort lässt sich übersetzen als 'Feuerdrache' bzw. 'Feuerwesen'.

    • Eine andere Frage ist, ob die Wüsten-Seraphen reine Phantasieprodukte waren, oder ob dahinter reale Vorbilder stehen.

    • Die Schlangengestalt der Wüsten-Seraphim kann erschlossen sein aus der Kombination mit der "ehernen Schlange", deren Kultbild sich ja im Tempel befand.

    • Die Kobra auf den Skarabäen ist nicht das einzige Wesen mit Flügeln; näher stehen den Seraphim die Cherubim und die Gestalt von Tell Halaf und schließlich konnten auch die Greife fliegen.

    • Die Seraphim von Jes 6 erinnern an Ps 104.3 f "Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern" - man könnte auch verstehen "Geister zu deinen Engeln". Der Wagen Jahwes wird nach Hesekiel von Cherubim getragen. Das Wort für 'Diener' kann auch die Priester bezeichnen.
      Jesaja stand vor dem offenen Tempelgebäude, zu dem er als "Laie" keinen Zutritt hatte und erlebte eine Opferzeremonie, bei das "Haus voll Rauch" wurde, und berichtet von glühenden Kohlen auf dem Altar. In den wabernden Rauchschwaden vermeint er den Saum des Gewandes zu erkennen, was der Vorstellung entspricht, dass sich Gott in einer Wolke verbirgt.
      Die Seraphim sollte man doch mit dem Opferfeuer in Verbindung bringen. Merkwürdigerweise heißt es "sie standen über ihm", obwohl doch Jahwe der "Höchste" ist und obwohl fliegende Wesen sich meist bewegen, nicht stehen. Ist da an die Flammen des siebenarmigen Leuchters zu denken?
      Die Seraphim lassen sich also vielleicht mit den "Feuerflammen" von Ps 104,4 verbinden.
      Dann lässt sich auch der vorige Vers mit einbeziehen: "Licht ist dein Kleid, das du anhast", also Rauch der Saum, das eigentliche Gewand ist Licht.
      Eigentlich sollte man ja an fliegende Funken denken, die aus dem Rauch herausfliegen.

    • Aufschlussreich ist die Parallele zu einem anderen Feuer-Wort:

      • KoeBau 2,1210: hbr. רשף räšäp: 1. 'Flamme, Glut', 2. 'Pfeil', 3. 'Seuche', 4.  Hi 57 wörtlich "und die Söhne der Glut, sie erheben sich im Flug", wohl von den Funken, nach der späteren Auslegung sind Vögel gemeint, wie im hbr. Sirach  43,14.17. Rašap war auch ein sem. Gottesname.

    • Die fliegenden Seraphim in der Wüste lassen sich verstehen als "Feuerpfeile" Gottes, die eine fiebrige Seuche auslösen. In Ps 91,3-8 werden Pfeile und Pest nebeneinander genannt, entweder ergänzend als "Krieg und Seuche" oder parallel als "Infektion und Pest". In V 13 wird die Gefahr mit Löwen und Drachen verglichen, also eine Bedrohung durch mythische, unerklärliche Mächte, nicht durch menschliche Feinde.

    • Seraphim lässt sich also erklären als "fliegende Glut": 'Funken', mythisch überhöht zu Engeln, und als ein Bild für die Auslöser einer fiebrigen Seuche, die man sich auch als Bisse dämonischer Tiere vorstellte.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 28.08.2021