Diskussion tunica

Befund

  • lat. tŭnĭca 'Leibrock, der unter der Toga getragen wurde; Haut, Hülle, Hülse' 2,3256

Theorien

  • DoedLat (1841) 195

    • Adjectivform von ὀθόνη [otʰónē] das Linnenzeug. Davon dunichu ahd. der Rock entlehnt.

      • JaSei (1862) 1131

        • ὀθόνη otʰónē 'feine weiße Leinwand, bes. feiner Schleier, leichtes Unterkleid der Frauen; üb[er]h[aupt] Leinwand, d. h. Segel'

      • Hofmann (1966) 226: ὀθόνη [otʰónē] ... feine Leinwand: viell[eicht] Lehnw[ort] aus dem Semitischen.

        • zu Hanig (1997) 610 ägypt. *hrtj

          • ḥ3tj 'Hülle, Umhang'

          • ḥ3tjw 'feines Leinen'

        • Steindorff (1921) 67 kopt.

          • xoeite hoeite 'Kleid'

  • Walde (1910) 799

    • aus dem Semitischen: aram. kithuna...

      • Man nimmt teils eine G[run]df[orm] *ktun-ica an...

      • teils Umstellung aus *cituna...

Diskussion

  • Griech. otʰónē könnte ein Adjektiv *otʰonikós gehabt haben, aus dem tunica hätte werden können. Überliefert ist nur ὀθόνινος otʰóninos 'von Leinwand' JaSei 1131.

    • Das anlautende griech. o- in otʰónē und erst recht in *otʰonikós war unbetont, also schwach artikuliert und fehlt manchmal in verwandten Wörtern anderer Sprachen:

      • idg. Part. *ẖëd-ënts 'essend' > griech. ὀδών odṓn / lat. dēns 'Zahn'

    • Afroasisch <t> und lat. <t> waren behaucht. Im Griech. musste <θ> = [tʰ] stehen.

      • Dagegen semit. <tt> unbehaucht, daher *kittānu > griech. χιτών kʰitṓn 'Tunika' (auch wegen Hauchdissimilation?).

      • Griech. unbetontes o > lat u auch bei Ὀλυξεύς Olyxeús > lat. Ulixes = Odysseus

  • Die naheliegende Ableitung aus dem Sem. ist fragwürdig:

    • Hbr. כתנת kuttonät 'Tunika' hat zwar im status constructus (enge Anbindung an das folgende Substantiv) heute kətonät. Das Schwa (Murmelvokal) ist aber in der Septuaginta noch als Vollvokal notiert: שלמה, heute Šəlomô, jidd. Schlojme, Septuaginta: Σαλωμων Salōmōn. Völliger Schwund des Vokals ist zwischen zwei Fließlauten wie š+l möglich, aber auch im Nhbr. nicht zwischen Verschlusslauten: hbr. כתיב kətîb geschrieben', nhbr. kətiv 'Schreibung'.

    • Metathese bei Fremdwörtern gibt es (mlat. crocodilus > cocodrilus 'Krokodil' Dief 129), aber hauptsächlich bei den Fließlauten, also eher Verlegenheitsauskunft.

Erklärung

  • Es spricht alles für ὀθόνη otʰónē 'Leinen'.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 10.02.2019