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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Siedlungsnamen zwischen Rhein, Main, Neckar und Itter

Namensglieder

Heim 62x

dt. heim 'Wohnung; Hof > Dorf'

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Schrifttum

Sprachen

 

Dieser König unter den Namengliedern stammt aus altgermanischer Zeit: got. haims 'Dorf', ahd. heim 'wo man zu Hause ist', and. hêm 'Heimat', aengl. hám 'Wohnsitz, Landgut, Dorf', anord. heimr 'Wohnsitz; bewohnte Erde'.

Altmundartlich [he:m], neumundartlich [hɔ:m] [1] wird als Grundglied im Norden [-əm] [2], im Süden [-ə]. [3] Wenn heim auf die Endung -en trifft, wird /n/ > /r/. [4]

Das Namenglied wird in Südwestdeutschland als fränkisch im Unterschied zu den alemannischen -ingen angesehen. [5] Der Brauch wurde aber von anderen Stämmen übernommen und auch in späterer Zeit fortgeführt. [6]

Heim scheint ursprünglich einen Herrenhof bezeichnet zu haben. Dieser war nach Grabungsfunden aber keine geschlossene "fränkische Hofreite", wie sie heute in unsrer Gegend vorherrscht, sondern ein Einheitshaus mit Wohnung und Stallung unter einem Dach. Daneben gab es in dörflichen Siedlungen auch kleinere ungeteilte Gebäude, [7] die man wahrscheinlich ahd. hûs(a), lat. casa nannte.

Im lateinischen Text wechselt heim mit villa:

Etwa drei Viertel aller heim-Orte liegen in der Rhein-Main-Ebene, [10] wo sie ein Achtel aller Siedlungsnamen ausmachen. [11] Dies scheint die fränkische Herkunft zu bestätigen: Die Siedler kamen rheinaufwärts und haben sich vor allem in der Ebene niedergelassen. Dazu passen die überaus häufigen Namen auf -heim in Rheinhessen: Zeugnis eines geplanten fränkischen Siedlungsunternehmens, das dort erst nach dem Niedergang des weströmischen Reiches im 4er-Jahrhundert und durch die Eroberungen Chlodwigs möglich wurde. Im nicht mehr römischen, alemannisch beherrschten Rhein-Main-Neckar-Raum konnten frühe Franken vor Chlodwig wohl eher ansässig werden. [12]

Die mit -heim verbundenen Bestimmungsglieder

Eine genauere Untersuchung zeigt folgendes:

1. Mehr als die Hälfte lässt Ausdrücke für Personen vermuten, d. h.

a) sehr altertümliche Personennamen: Bensheim > 765 Basinsheim [13]

b) Stammesnamen: Langobardonheim [14], Swabeheim, Sahsenheim [15]

c) Personenbezeichnungen: Bischofsheim

2. Ein Viertel ist mit durchsichtigen Sachbezeichnungen oder Beiwörtern und durchweg fugenlos verbunden, die entweder

a) auf örtliche Besonderheiten hinweisen (Seeheim) oder

b) die örtliche Siedlung in Beziehung zu anderen setzt: Altheim (Wiederansiedlung auf dem alten Platz), Neuenheim, Ostheim

Diese Namen sind merkwürdigerweise älter (ø 996) als die mit den unverständlichen Gliedern der Gruppe 3 (ø 1030).

3. Ein Sechstel ist

a) unverständlich (Habutisheim, Rinheim) oder

b) mehrdeutig: Viernheim zu kelt. vernos 'Erle', ahd. firn 'alt' oder einem damit gebildeten Personennamen?

Ein Teil der unverständlichen Namen könnte dadurch entstanden sein, dass man bei der Gründung auf ältere Namenglieder, etwa Flur- oder Gewässernamen zurückgriff. [16]

Versuch einer zeitlichen Gliederung: [17]

  • Alemannisch-burgundische Zeit (vor 500): Nr. 3: Möglicherweise Fortsetzung älterer Siedlungen mit alten, heute unverständlichen Namengliedern [18]

  • Frühe fränkische Siedler gründen Orte mit Personennamen: Nr. 1a

  • Merowinger (500-751): Nr. 2: geplante Siedlungsunternehmen mit den durchsichtigen, fugenlosen Namen wohl schon unter Chlodwig, [19] teilweise auch Umbenennung älterer Orte [20]

  • Karolinger (751-911) und später: vielleicht noch einige Neugründungen mit diesem Namen [21]

Namen auf -heim wurden noch in unserer Zeit gebildet. [22] In einigen Fällen ist -heim überfeinert aus der Endung -um entstanden und umgekehrt. [23]

 

[1] Heimbach > Hambach

[2] Ginsheim = ['ginsəm], Bensheim = ['bensəm]. Die Grenze ist ungefähr die Weschnitz.

[3] Viernheim = ['fɝnə], Reichelsheim = ['raigəlsə]; fortgesetzt südlich des Neckar z. B. Sinsheim = ['sinsə]

[4] Jugenheim = ['ju:rəm], Heppenheim = ['hebrum], Wattenheim = ['vadərə]

[5] Das wurde in letzter Zeit wieder in Frage gestellt; der Zusammenhang von -heim und fränkischer Herrschaft lässt sich aber kaum leugnen. Michael Hoeper {Alamannen 243ff} weist nach, dass am südlichen Oberrhein (Breisgau, Elsass) die ingen-Orte im Löss-Gebiet liegen, also Bauerndörfer waren, während die heim-Orte vor allem an den alten Römerstraßen angelegt wurden, die für die fränkischen Streitkräfte eine wichtige Bedeutung hatten. Es lässt sich ferner zeigen, dass zu diesen oberrheinischen heim-Orten Gräber gehören, die von 5"-7" belegt wurden.

[6] z. B. Zeppelinheim (um 1935)

[7] {Vorgeschichte der Germanen 1,195 ff}

[8] {CL 820}

[9] {CL 3401}, Rüdiger Kurth brieflich

[10] einschließlich der Orte an der Bergstraße, ohne Maintal und Pflaumgau

[11] Von allen Siedlungsnamen endet etwa ein Zehntel auf -heim.

[12] Wahrscheinlich hat in diesem Gebiet der Ostgermaneneinfall zu Beginn des 4er-Jahrhunderts und die kurze Burgunderherrschaft die alemannische Herrschaft bereits damals nachhaltig erschüttert, so dass ein Machtvakuum entstand, das fränkische Abenteurer anlocken musste.

[13] zum merowingischen Personennamen Basina

[14] unsicher

[15] unsicher. Es fällt auf, des es kein Frankenheim gibt.

[16] Vgl. die Namen der neuen Verbandsgemeinden wie Riedstadt. (ein älterer Landschaftsname) oder Modautal (ein vorgermanischer Flussname).

   

[17] Ähnlich gliedert Michael Hoeper die heim-Namen am südlichen Oberrhein in ältere Siedlungen mit Personennamen (5" - 6") und jüngere mit Lagebezeichnungen (6" - 7"). Die Datierung stützt sich auf Gräberfunde {Alamannen 243 ff}. Das unterworfene Alamannien wurde nach dem Sieg Chlodwigs planmäßig mit fränkischen Stützpunkten belegt, in denen sich fränkische Heerführer und thüringische Gefolgsleute niederließen {ebd. 219ff}. In Südhessen lagen die Verhältnisse anders. Die für die fränkische Besatzung kennzeichnende Rippen- und Buckelkeramik ist in Rheinhessen und am unteren Neckar reichlich vertreten. Im Ried und im Bachgau gibt es jeweils nur zwei Belege {ebd. 233}.

[18] vielleicht bei Habitzheim und Reinheim, beide auf altem Boden und mit römischen Funden

[19] ganz deutlich bei Griesheim = 'Sandheim' mit einem merowingischen Gräberfeld aus der Zeit um 500-750

[20] Seligenstadt. erinnert wohl an einen romanischen Namen auf *salige, wurde aber erst nach 830 von Einhard 'an der seligen Stätte' genannt und hieß noch 815 superior Mulinheim.

[21] vielleicht bei Hofheim (1016 Hoveheim), eine merkwürdige Zwitterbildung. Die 1068 erwähnte Michaelskapelle {M} lässt auf ein höheres Alter schließen.

[22] Zeppelinheim (1937/39)

[23] Die Darmstädter Gewann Heinum wurde zu Heinheim, umgekehrt (auf) Lochheim zu Flochum.

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Übersicht

 

 

 

Datum: 1995 / 2005

Aktuell: 09.02.2019