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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Siedlungsnamen
zwischen Rhein, Main, Neckar und Itter

Namensglieder

Statt 25x

ahd. stat 'Stätte, Ort > Wohnort'

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In der Mundart wird -statt zu [-ʃt] [1] außer bei Darmstadt. und in neueren Bildungen. [2] Die stadt. gilt wie das ort 'Dorf' für den eigenen Wohnort, [3] aber auch für den nächsten zentralen Ort.

Ahd. stat bedeutet ursprünglich nicht 'Mittelpunktgemeinde' (dafür alt burg), sondern allgemein 'Stätte'. Die Namen sind sehr alt [4] und enthalten als Bestimmungsglieder nicht nur Beiwörter [5] und Ausdrücke für Personen, [6] sondern erstaunlich viele Tierbezeichnungen. [7] Ferner finden sich viele Namenglieder, die den Eindruck erwecken, als seien sie aus vorgermanischer Zeit übernommen. [8]

Es ist verständlich, dass die Bestimmungsglieder wegen des anlautenden /s-/ von statt nicht mit starken Genitiv [9] angeschlossen sind; es wundert aber, dass auch der schwache Genitiv sogar bei offensichtlichen Personennamen [10] fehlt; [11]  statt dessen sind 11/18 der Substantive nur mit Fugenlaut [12] und die übrigen fugenlos [13] angeschlossen. Beides scheint mir ein Zeichen hohen Alters zu sein. Von den Adjektiven steht 741 Michilstat bezeichnenderweise ebenfalls ohne Fuge; vier haben eine schwache [14] und zwei eine starke Endung. [15]

Diese stätten sind nicht gleichmäßig auf der Landkarte verteilt, sondern liegen in den alten Siedlungskernen des nördlichen Rieds [16] und des Dieburger Beckens. [17] Die Südgrenze fällt mit der Südgrenze des Dreieicher Wildbanns zusammen; [18] südlich davon sind die Namen selten, ebenso am unteren Main. In Rheinhessen fehlen die stätte fast völlig, dafür gibt es eine größere Anzahl in der Wetterau und am südlichen Neckar.

Das auffallende Fehlen der stätte in Rheinhessen [19] lässt vermuten, dass die ältesten dieser Orte vor dem Fall der römischen Rheingrenze (406/7) gegründet wurden, also mindestens alemannisch sind. In Dieburg-Altenstadt und Seligenstadt wurde eine römische Siedlung von den Alemannen übernommen; in Darmstadt. lassen sich südlich des Schlosses swebische Hinterlassenschaften nachweisen; in Groß-Umstadt. steht die Kirche auf dem Gelände eines römischen Gutshofs. All das deutet darauf, dass das Namenglied statt vielleicht schon in römischer Zeit vergeben wurde, d. h. vor 250 (swebische Namen?). [20]

Die Zeittafel zeigt aber, dass statt auch bis ins späte Mittelalter und bis in die Neuzeit (Riedstadt) zur Namengebung herangezogen wurde. Das Namenglied ist zwar sehr alt; es lassen sich aber keine Schlüsse auf das Alter einer bestimmten statt ziehen. Andrerseits war statt aber auch nicht so geläufig, dass man es auch im Odenwald gebraucht hätte. Man hat sich also bei Neugründungen nach dem Namen der Nachbarorte gerichtet (Nestbildung). [21]
 

 

[1] Pfungstadt [phuŋʃt]

[2] ['damʃtat], Riedstadt. = ['ri:tʃtat]

[3] in der Wendung "ich gehe in die Stadt. // ins Ort"

[4] ø 1017, ein Drittel im 7er-Jahrhundert

[5] z. B. 741 Michilstat ('groß'), 836 Altunstat

[6] z. B. 776 Babestat (Personenname Babo), 8er-Jahrhundert Walahostat ('Romane')

[7] 782 Eberstat ('Keiler'), 800/1000 Ramstat und 948 Widerestat ('Widder'?), 1002 Otterestat ('Fischotter'), 1350 Mockstadt. ('Schwein')

[8] Kleestadt. (keltisch), Seligenstadt. (romanisch?), Wallstadt. ('Romane').

Die gleich gebildeten Dar.munde.stat, Aut.mundi.stat und Wine.munde.stat lassen sich nicht in gleicher Weise von Personennamen ableiten (etwa ōtmund); mund könnte das keltische mynydd oder romanische monte 'Berg, Burg' sein.

Das späte Crumstadt (1248) scheint Übersetzung eines keltischen oder romanischen Oncular (782) zu sein.

[9] Ausnahmen: Autmundisstat in der Überschrift, aber Autmundistat im Text der Urkunde von 766 und das merkwürdige, junge Heringes die stat (1322)

   

[10] Babestat neben Babenhausen

[11] Ausnahme 727 Stoddenstat

[12] z. B. Stochestat, Phungestat, Autmundistat, Henystat

[13] z. B. Eberstat, Ramstat

[14] Altunstat, Saligunstat und zweimal Nu(w)enstat

[15] Staderstat, Waldirsteden

[16] archäologisch ältester Kern: Darmstadt. (swebisch)

[17] älteste Kerne Dieburg-Altenstadt (römisch), Groß-Umstadt (römisch?), Seligenstadt (römisch)

[18] zugleich eine wichtige Mundartgrenze: Die Grenze zwischen [fest] und [feʃt] kennzeichnet in etwa die Grenze zwischen Südwestdeutsch = Altalemannisch und Westmitteldeutsch = Fränkisch. Sie zieht sich von der Mainspitze entlang des sog. alten Neckarbetts bis zur Modau, dann ostwärts quer durch den Odenwald. Anders als bei der Aussprache von apfel als [apfəl] oder [apəl] kommt die unterschiedliche Aussprache in der Schreibung nicht zum Ausdruck und kann daher bei der Geschichte der deutschen Mundarten nicht berücksichtigt werden. Sie ist aber für das Ohr ein wichtigeres Unterscheidungsmerkmal zwischen Niederdeutsch [du bist stark], Mitteldeutsch [du bist ʃtark] und Oberdeutsch [du biʃt ʃtark] als die Aussprache der Verschlusslaute.

[19] Die meisten rheinhessischen Orte enden auf -heim, ein deutliches Anzeichen fränkischer Besiedlung nach dem Fall der Rheingrenze.

[20] Vielleicht lässt sich das auffallende Zusammentreffen von Mundartgrenze und Südgrenze der stätte damit erklären, dass 407-436 das Gebiet südlich der Modau nicht mehr alemannisch, sondern. burgundisch war.

[21] Ähnlich bei den weiler-Orten bei Weinheim oder den bach-Namen im Odenwald. Die Gründer waren ortsverbunden und zogen nicht in fremde Länder, sondern ließen sich in der Nähe ihres Heimatorts nieder, fragten auch nicht nach ausgefallenen Modeströmungen, sondern bildeten den Namen der Neugründung in Anlehnung an den ihres Heimatorts. Das heißt, die weiler- und bach-Orte und spätere statt-Orte werden keine obrigkeitlichen Gründungen, sondern bäuerliche Aussiedlungen oder Rodungssiedlungen sein.

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Übersicht

 

Sprachecke 08.07.2013

 

Datum: 1995 / 2005

Aktuell: 24.09.2019