Diskussion Arheilgen

Befund | Theorien | Diskussion | Wertung | Erklärung

Befund

  • 10° Araheiligon

  • 1680 Allerheilingen

  • Geschichte

    • Wilhelm Andres, Alt-Arheilgen, Geschichte eines Dorfes (1978)

      • 21 Name im Seligenstädter Evangelienbuch von 836 im angehefteten Zinsregister 9e" (Hess, Landesbibliothek LDGHs 1957)

      • 25 älteres Oberdorf östlich des Ruthsenbach

      • 29 1012 als Teil der Mark GG von Kaiser Heinrich II. dem Bischof von Würzburg geschenkt (Demandt, B: Die mittelalterliche Kirchenorganisation südlich des Mains)

      • 29f jüngeres Unterdorf westlich, unterstand den Herren von Hain

      • 53 Wallfahrtskirche außerhalb des Dorfes vor den Totenbergen gelegen, Unser Lieben Frauen genannt... etwa um 1359

      • 54 (Foto mit einer Brücke): Der vermutete Standort der Wallfahrtskirche Unser Lieben Frauen an der Geraubücke bei den Totenbergen

    • Wilhelm Andres, Das Dorf am Ruthsenbach (1986) 163ff

      • Kirche 1482 gebaut. ... unstrittig, dass auf dem Kirchplatz ... zuvor eine romanische Kapelle stand... daß dieser ... eine karolingische karolingische Dorfbasilika vorangegangen ist.

      • Die Kirche ... hatte keinen Kiliansaltar mehr. Sie was eine Marienkirche.

      • Wallfahrtskirche "Unser Lieben Frauen ... nicht bei den Totenbergen ... sondern auf dem Gelände des Arheilger Friedhofs

    •  Arheilgen - Historisches Ortslexikon

      • Kirche und Religion ↑ Ortskirchen:

        • 1225: Gerhard sacerdos der Kilianskirche

        • 1482: Neubau der Kirche

    • Wikipedia Auferstehungskirche Arheilgen (2019)

      • Die Existenz einer karolingischen Vorgängerkapelle ist durch Ausgrabungen belegt. Im Jahr 1225 wurde erstmals, unter dem Namen Kilianskirche, ein romanischer Kirchenbau erwähnt. Das Patrozinium Kilians als Gründer des Bistums Würzburg deutet auf die Zugehörigkeit Arheilgens zum Königshof Groß-Gerau hin, der im Jahr 1013 dem Bistum Würzburg übereignet wurde. Im Jahre 1482 wurde die Kirche zu dem noch heute in seinen Grundzügen bestehenden spätgotischen Gotteshaus umgebaut.

    • Ev.-luth. Auferstehungsgemeinde Darmstadt-Arheilgen (2019)

      •  Kilianskirche: ... Sie wird um 1430 ausgebaut und erhält auch einen Turm. Die Hölzer des Turmfundamentes können auf die Zeit zwischen 1420 und 1440 datiert werden.

      • 1955 hat man einen älteren Mauerverband freigelegt, der auf einen Vorgängerbau hinweist. Es ist unklar, ob es sich dabei um eine Kapelle oder Kirche handelt, da noch 1508 ein Burgflecken urkundlich erwähnt ist, der unmittelbar an die Kirche grenze.

      • Der aufgefundene ältere Mauerwinkel kann also ebenso zu einer ehemaligen Burganlage auf der Düne gehört haben, auf der die Kirche steht. Dies ist nicht zweifelsfrei zu klären.

Theorien

  • MüOn (1937) 15

    • 'bei den Leuten des Araheil'

  • Dr. Ernst Erich Metzner, Festschrift Arheilgen (1986)

    • 4f Auch Götze setzt diese Erkenntnis voraus, wenn er das Element ’Ara-‘ mit dem althochdeutschen Wort ‘aro’ (= ’Aar/Adler‘) zusammenstellt, das einen kurzen Stammvokal hatte und das als Erstglied einer echten Zusammensetzung als 'ara-‘ erscheinen mußte.
      6f [Aar gedeutet auf das] ’Blutaar-Ritzen‘ bei den heidnischen Germanen.

      ... Nennung eines Altars der HI. Georg und Sebastian und der 10000 Martyrer "in monasterio Mariae" in Arheilgen aus dem Jahr 1428...

      • Metzner 8 postuliert "eine große kriegerische Auseinandersetzung, an der auf der einen Seite siegreiche Heiden, auf der anderen Seite unterliegende Christen beteiligt waren" und die christlichen Gefangen mit dem "Blutaar" gemartert worden, worauf der FlN "Totenberge" hinweise. Ferner sei in der Nähe des Schlachtfelds "bald nach der Schlacht eine Kirche (auch?) zu Ehren der ’Aar-Heiligen' errichtet" worden.

  •  TH

    1978ff

    • ein Versuch Arheilgen und Seligenstadt zu verbinden:

      • cymr. *ar 'bei' + helygen 'Salweide' (Umlaut vgl. bret. haleg)

      • vglat. salice 'Weidenbaum'

      • heilig  kann nicht < *halig kommen.

    1998, ausgehend von der Arheilger Kilianskirche:

    • Glied 1: germ. âr 'Bote'. 

      got. airus, asächs. âr, ags. ár, anord. árr, ahd. âranti

    • Die Beziehung zu Kilian und damit zur iroschottischen Mission lässt auf die Bedeutung 'zu den Botenheiligen' schließen – eine verschollene Bezeichnung für die iroschottischen Glaubensboten?

    • Glied 2: dt. heiliger 'vorbildlicher Christ der Vergangenheit'

    • Form: âra: Nom. Pl. 'die Boten'; heiligôn: Dat. Pl. 'den Heiligen'

    • Vgl. Eisheiligen 'Heiligentage, die eiskalt werden können'. Also: Arheiligen 'zu den Heiligen, die Boten sind; zu den missionierenden Heiligen'. Das Bestimmungsglied hat hier die Bedeutung einer Beifügung. Vgl. auch: giftschlange ‘giftige Schlange', fladenbrot ‘fladenförmiges Brot'.

  • Arheilger Identitäten: Von den „Ganzheiligen“ zu den „Muckern“ (2008)

    • Das Erstglied Ar(a)- macht hingegen mehr Schwierigkeiten, mit Aar (Adler) kann es aus verschiedenen Gründen nichts zu tun haben, andere jüngst angestellte Überlegungen lassen sich aus Gründen der sprachlichen Entwicklung vom Germanischen zum Althochdeutschen ebenfalls nicht halten.

      • Es bleibt der Vorschlag, das Ar- des Erstglieds im Ortsnamen durch einen sprachlichen Prozess, den man Entähnlichung nennt, zu erklären: Dadurch wäre aus al- (ala-) ar- geworden und hätte in Verbindung mit „heilig“ die Bedeutung „bei den Ganzheiligen“.

      • Ausgangspunkt und Grundlage einer solchen Benennung wäre dann die Stätte eines besonders heiligen Geschehens, der man bei der Ortsgründung Rechnung getragen hätte. Das „heilig“ im Zweitglied des Ortsnamens enthält allerdings einen Hinweis auf die Zeit der Entstehung des Ortsnamens Arheilgen. „heilig, heilag“ war ein klassisches Wort der angelsächsischen Mission und verdrängte erst im Laufe des 7. bzw. 8. Jahrhunderts das althochdeutsche „wih“, das uns heute noch in Weihnachten = “Heilige Nacht“, in Weihrauch und in Ortsnamen wie Weihenstephan begegnet. Das Kilianspatrozinium - Kilian war ein angelsächsischer Missionar des frühen 7. Jahrhunderts - der Arheilger Kirche könnte die Erinnerung daran festgehalten haben. Fazit: Gründung und Namengebung von Arheilgen hängen mit dem Erfolg der angelsächsischen Mission und einem damit verbundenem wichtigen Ereignis zusammen, über das keine Überlieferung mehr vorhanden ist. Um das Jahr 1000 erstmals erwähnt, verweist die Namengebung auf eine Gründung im 7., eher im 8. Jahrhundert zurück, wird es doch einige Zeit gedauert haben, bis sich „heilig“ gegenüber „wih“ im Althochdeutschen durchsetzte.

  • Stadtlexikon Darmstadt (2006/19)

    • (Der Reformation) fiel die Wallfahrtskirche "Unser Lieben Frauen" auf dem Gelände des heutigen Friedhofs ... zum Opfer, die wohl nach 1527 aufgehoben und auf Abbruch versteigert wurde.

Diskussion

  • Geschichte:

    • sehr verworrene Aussagen!

      • Totenberge

        • Städteatlas DA-GG 2. Auflage 2f rechts oben (ONO)

        • Wikipedia (2019) Die Totenberge gehören bei einer Länge von ca. 0,8 km und einer maximalen Breite von ca. 400 Meter zur Gattung der Längsdünen und verlaufen in West-Ost-Richtung.

      • Wallfahrtskirche

        • Andres

          • Alt-Arheilgen 53 auf den Totenbergen. 54 "an der Geraubücke bei den Totenbergen" kann ich nicht lokalisieren.

          • Ruthsenbach 163ff korrigiert: auf dem Friedhof.

          • Wie kommt man auf Totenberge und Friedhof? Quellen? Funde? Oder naheliegendes Missverständnis?

        • Stadtlexikon_Darmstadt: (Der Reformation) fiel die Wallfahrtskirche "Unser Lieben Frauen" auf dem Gelände des heutigen Friedhofs ... zum Opfer, die wohl nach 1527 aufgehoben und auf Abbruch versteigert wurde.

      • Kilianskirche

        • Auferstehungsgemeinde: Der aufgefundene ältere Mauerwinkel kann also ebenso zu einer ehemaligen Burganlage auf der Düne gehört haben, auf der die Kirche steht.

        • Wikipedia_Auferstehungskirche: Man kann aus der Kilianskirche keine Verbindung zu Würzburg ableiten.

  • MüOn

    • FörstP (1856 / 1900) bringt zwar Namen auf

      • 135ff Ara- und

      • 727 Haila-, aber nur im 1. Glied, nicht -heil.

      Aber Graff

      • 1,432 Ara-lint

      • 4,863 Rah-heil, Rih-heil.

      Damit ist Araheil zwar nicht direkt bezeugt, aber auch nicht ausgeschlossen.

  • Metzner

    • TH 1986ff

    • Die Argumentation ist haltlos, weil

      • die 10.000 Märtyrer in Armenien getötet wurden,

      • die Totenberge eine "tote", unfruchtbare Düne sind.

      • das "Blutaar-Ritzen', von Metzner den Ostgermanen zugeschrieben, nur von den Wikingern bezeugt ist.

  • TH|1978ff *ara halic... / salic...

    • Dann müsste auch bei unsern Kelten wie im Gall. und Brit. s > h geworden sein. Und dafür kenne ich kein anderes Beispiel. (Bei den Salzorten kann Hall auch ein Gebäude bezeichnet haben).

    • Y in cymr. helygen ist [ə], nicht [y / i].

  • TH|Kilian

    • Die Arheilger Kiliankirche ist nur diesem Heiligen geweiht. Er und seine Gefährten werden kaum in Arheilgen gewesen sein und sind in Würzburg ermordet worden. Eine Beziehung zur iroschottischen Mission ist nicht beweisbar.

    • germ. âr 'Bote'

      • lässt sich auch deuten auf die "Zwölfboten" = Apostel. Aber das ist reine Spekulation.
        MüOn (1937) 18:

        • Kirche im Dorf: 2 Altäre: Kilian und Frühaltar (heute Auferstehungskirche )

        • Kirche vor dem Dorf: Unsre liebe Frau + Anna, Georg, Sebastian, Johannes, Kreuzaltar.

          • -heiligōn bezieht sich doch wohl auf diese Kirche.

      • *ār- wäre shess. *ōʳ-; der Ort heißt aber Âʳhɛljə, das auf ăr- zurückgeht.

    • 'Botenheiligen' geht nicht.

  • Castritius: al-_(ala-)_ar-

    • Ferndissimilation l...l > r...l wie lat. lusciniolus > frz. rossignol 'Nachtigall'

    • *ala-heilig 'sehr heilig' wie allmächtig

      • Mir fallen im Deutschen viele Beispiele ein von Dissimilationen r-r > l-r (Barbier > Balwier) und > r-l (Erdbeere > Äʳwel), aber kein einziges für l-l > r-l. Ala- > Ara- ist also doch kaum wahrscheinlich. Zu lat. lilia gehört griech. nicht ril-, sondern leirion (Blume), althochdeutsch liola wurde nicht Riele, sondern Liere / Liene 'Waldrebe'.

    • Ausgangspunkt und Grundlage einer solchen Benennung wäre dann die Stätte eines besonders heiligen Geschehens, der man bei der Ortsgründung Rechnung getragen hätte.

  • Alternativen TH 2019

    • zum FsN Aare, Ahr

      • Durch Arheilgen fließt die Ruthsenbach.

        • ähnlich Rutschbach

        • Wikipedia 2019 : ein junger Name, erst 1740 (in Darmstadt), in Arheilgen vorher Seebach.

        Ein alter Name Ara wäre nicht ausgeschlossen.

        • ă mit sekundärer Dehnung.

        Spekulation!

      • Aber was bedeutet dann -heiligen?

    • Ein betontes Präfix

      • wie erteílen > Úrteil (ahd. betont ur-, unbetont ir-, ar-, er-)

      • Dafür scheint die Fremdbetonung Arheíligen zu sprechen :: hmda. Āʳhailiǵə.
        ähnlich Erfélden :: 1613 Érvellen

        • beweist aber nichts, die Fremden halten ar-, er- für ein Suffix.

      • Der Vokal kann Gleitlaut zwischen den beiden Dauerlauten sein, wie ahd. arm > aram 92, urloub > hurolob.

        • Beispiele für -rh- > -rah-: farh > farah 'Ferkel' 173, forhta > forahta 'Furcht' 279

      • Arheilgen könnte also = *Urheiligen sein, 'die besonders Heiligen' mit verstärkendem Präfix.

        • DWB urheilig vgl. überheilig (nur nhd. Belege)

          • überheilig 'sehr heilig, hochheilig; scheinheilig'

        • so auch Castritius mit seiner Deutung *Ala-Heiligon.

        • Schwachpunkt: Das unbetonte ar-, er-, ir- hat reduzierte Vokale, die dem heutigen er- entsprechen und betont Ur- werden musste.

          • Ahd. ur-erdō = ar-erdeo '(Ausländer) > Verbannter' 255 zeigt, das auch bei Substantiven ar- stehen kann.

          • Beim arerdeo schwingt aber noch die verbale Bedeutung mit von *ir-erdjan *enterden, von der Erde, aus dem Land vertreiben*. Vgl. irerben 'enterben' 183

          • Auszugehen wäre von einem resultativen *irheíligōn 'heilig machen, weihen' > *áraheilig *geweiht, Kleriker* (:: urheilig 'sehr heilig')

          Ar- ist Aussprachevariante von er- (wie ndl. hart 'Herz') und ist eindeutig verbal, kommt also nicht in Frage.

      • Ähnlichkeit Arheilgen und Erfelden, beide auf der ersten Silbe betont.

        • Letzteres war 764/5 Herifelden (mit falschem h wie in hurolob 'Urlaub). Eri- ist durch i umgelautetes a wie in Fahrt > "fährtig"> fertig. Eri- ist deutlich = ahd. er-ien, got. ar-jan 'pflügen', also Erfelden 'Pflügfeld'.

        • Da könnte Ara- die nicht umgelautete Form sein, also 'Pflug-, Ackerheiligen'. Das könnte sich auf den Standort der Liebfrauenkirche "auf dem Feld" beziehen.

        • 764/5 Herifelden versteht sich als Dativ Singular 'bei dem Erifelt' (782), 1002 heißt es aber Heriueldon, Dativ Plural. Etwa aus der gleichen Zeit stammt die Schreibung Araheiligon. Das -on kann eine falsche Rekonstruktion sein, weil um diese Zeit schon -en gesprochen wurde. Dann könnte auch Arheilgen ursprünglich Dativ Singular gewesen sein von heiligo 'der / das Heilige' (aber nicht 'die'), also vielleicht 'das Ackerheiligtum'.

        • Das wird vielleicht gestützt durch FrN die Ar, Aracker, Arfeld, Arwiese 149, die man natürlich auch anders deuten kann.

        • Diese Deutung aber auf drei Analogieschlüssen: 1. Ara- / Eri- 'Pflug / pflüg-', 2. wie -felden ursprünglich auch -heiligen, Singular, 3. 'heilig' bezieht sich auf ein "heiliges Geschehen", wie in Maria Einsiedel. Also fragwürdig.

    • Variante: Alah-heiligon zu ahd. alah *Tempel > Kirche*

Wertung

  • MüOn: Araheil

    • Name als solcher nicht bezeugt, aber Ara- und -heil als Namensglieder.

  • Metzner: Mit dem Blutaar gemarterte Heiligen

    • phantasievolle Begründung aus der Deutung 'Aar' herausgesponnen mit vielen sachlichen Fehlern

  • Castritius: *Alaheiligon

    • kein Beispiel für l-l > r-l bekannt

  • TH

    • 1978ff: kelt. 'Salweide'

      • scheitert an heilig ≠ haleg

    • 1998: 'Botenheilige'

      • ging von der falschen Annahme aus, dass das Kilian-Patrozinium an die irischottische Mission erinnert

    • 2019:

      • FsN Aare, Ahr

        • reine Spekulation, also unwahrscheinlich

      • betontes Präfix

        • kann nicht sein, da ar- nur unbetontes Verbal-Präfix war.

      • Pflug-, Ackerheiligen

        • gestützt durch die FrN mit Ar-. Aber was sind Ackerheiligen?

      • alah 'Tempel, Kirche'

        • h+h bleib im ahd. Pflanzennamen gâhheila *jäh heilend' erhalten,

        • kommt auch wegen des nicht bezeugten Wandels l-l- > r-l nicht in Frage.

Erklärung

  • Die einfachste Erklärung ist immer noch zu einem PN Araheil, der zwar nicht als ganzer bezeugt ist, wohl aber sind die Glieder ara- und -heil nachgewiesen.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 28.08.2021