Diskussion Germani

Befund | Theorien | Diskussion | Erklärung

Befund

  • 73- Poseidonios: Γερμανοί Germanoí

  • 0m- Caesar: Germani

    • 0m- die Heerscharen Ariovists + Gruppe in an der Maas

    • 0b+ Gruppe in Spanien

Theorien

  • Holder (1896/1961) 1,2011

    • Ger-mānī weder celtisch noch lateinisch, sondern - nach meiner deutung ... - germanisch, urspr. wie Gaisati und Cimbri, kein eigentlicher volksname, sondern appellativ 'beute, sold und land gerende, heischende mannen', mhd. gërndiu diet [begehrendes Volk]...

      • zu ahd. gër 'cupidus' [gierig]... und germ. mann- ..., ward im gallischen und römischen munde zu Germāni...

  • DWB (1897)

    • der name ist höchst wahrscheinlich keltischen ursprungs, er findet sich auszer für die Germanen östlich vom Rhein auch für eine den Kelten benachbarte iberische völkerschaft im nördlichen Spanien, ... und für keltische stämme im grenzgebiet des nordöstlichen Galliens,... von diesen letzteren 'Germani cisrhenani' ... überkamen die im gebiet derselben seszhaft gewordenen Tungri den namen Germani:

    • ... die bedeutung des namens kommt hierbei in keiner weise in betracht, mag er nun ... von cambr. ger, altir. gair vicinus, gael. an gar juxta [neben], gair vicinia, [benachbart]

    • oder ... vom corn. armor. garm, ir. gairm geschrei, schlachtruf abzuleiten

    • und demnach als 'grenznachbarn' oder als 'schreier, rufer im streit, βοὴν ἀγαθοί' [gute Schreier] zu erklären sein; für letztere herleitung könnte man die auffassung des namens bei den Briten anführen, s. Beda ... 

      • "letztere" = Grenznachbarn!

    • da indessen die Tungern ein keltisches volk waren, so bezeichnet Müllenhoff 2, 201 fg. die römische hypothese

      • dass die linksrheinischen "Germanen" Germanen waren

    • nach dieser seite hin als verfehlt und unhaltbar, »doch setzt sie unstreitig an dem punkte an, wo jeder andre, ähnliche herleitungsversuch gleichfalls ansetzen musz. wir treffen zu beiden seiten des Rheins, nur durch den flusz geschieden, zwei völker verschiedenes stammes, aber mit demselben namen Germani.

    • der name verschwindet alsbald auf dem linken ufer, während er auf dem rechten emporkommt und hier an dem volke haften bleibt, dessen sprache er seinem ursprunge nach fremd war und immer fremd bleiben muszte. man kann sich darnach der vermuthung nicht entziehen, dasz hier eine übertragung stattgefunden hat.«

    • mit dem untergang des weströmischen und der gründung des fränkischen reichs schwindet der name aus dem völkerleben, Prokop...  Germania wird in einer ahd. glosse Diutisca 2, 370 durch Franchono lant wiedergegeben, nach der theilung des Frankenreichs genauer Germani, oster francken Dief. nov. gloss. 191b

    • ... erst im 15. und 16. jahrh. erscheinen als gelehrte übertragung aus dem lateinischen die formen German, Germaner und Germanier, letzteres nach Germania gebildet, wie Gallier nach Gallia; das wort wird zum gemeingut der geschichtschreiber und dichter, bei letzteren mit edlem nebenklang wie ebenso Germanien und germanisch:...

  • Meyers Großes Konversationslexikon (1902)

    • Der Name Germani wird zum erstenmal in den Fasti capitolini, d. h. dem in dem Tempel des kapitolinischen Jupiter aufbewahrten römischen Beamtenverzeichnis, zum J. 222 v. Chr. erwähnt; doch kann er eine spätere Einschaltung sein, da er erst durch Cäsar, der ihn in Gallien kennen lernte, den Römern geläufig geworden ist.

    • Er stammt aus der keltischen Sprache und wird am wahrscheinlichsten als »Wäldler«, Bewohner eines Waldlandes, gedeutet: so nannten die Gallier wohl die im Maas- und Niederrheingebiet wohnenden kultur- und städtelosen Völker keltischer und germanischer Abstammung

    • (nach Grimm und Mommsen bedeutet der Name Germani »Schreier«); schließlich wurde er auf die letztern beschränkt und Gesamtbezeichnung der großen Nation jenseit des Rheins.

    • Die germanischen Völker haben den Namen wohl selbst erst von den Galliern gehört und sich seiner nur im Verkehr mit Fremden, besonders mit Römern, bedient; volkstümlich ist er bei ihnen nie geworden. Später hat sich die gelehrte Sprache des gallischen Namens bemächtigt und gebraucht ihn in noch weiterm Sinn, als er früher hatte (s. oben). Vgl. Mahn, Über den Ursprung und die Bedeutung des Namens G. (Berl. 1864); Jäkel, Der Name G. (in der »Zeitschrift für deutsche Philologie«, Bd. 26, 1893).

  • Pokorny (1959/2002) gʷher- 'heiß, warm', Adjektiv gʷhermo- 'warm'

    • auch Germ- in illyr. PN, wie auch wohl im ursprüngl. nordillyr. VN Germani (Pokorny ZceltPh. 21, 103 ff)

  • TH

    • 1982: lat. Germani 'Brüder' übersetzt VN wie Semnones 'Sippengenossen' und Suebi 'die eigenen Leute'

    • 2005: Schreier

      • Da der Name schon 73 v. Chr. erstmals erwähnt wird, also vor dem römischen Vorstoß nach Gallien, kann er nicht lateinisch sein. Auch hätte sich ein iberisches Volk 0"+ kaum einen germanischen Namen gegeben.

      • Also bleibt von den bekannten Sprachen noch das Keltische:

        Pokorny (1959/2002) ĝā̆r- 'rufen schreien'

        • cymr. ger 'schreien'
          erweitert cymr. germ 'schreien', cymr., ir., gael. gairm 'rufen, proklamieren, krähen; Ruf, Beruf, Aufruf, Proklamation', cymr, corn., bret. garm 'Ruf, Schrei'
          aus dem Keltischen > anord. Garmr 'Schreier' (Name des Höllenhundes)

        Kelt. germ(en) ist also 'Geschrei' oder 'Ruf', Germani die 'Leute des Geschreis / Rufs'

    • 2019: lat. Germani ≙ kelt. Cenomani

Diskussion

  • Historisches

    • 0a" Poseidonios hat den ältesten Beleg, erwähnt die Germanen aber nur beiläufig.

    • 0m" Caesar nennt "germanische" Stämme am unteren Rhein, am Oberrhein und auf der iberischen Halbinsel.

      • Die Bücher des Bellum Gallicum sind nach Kriegsjahren geordnet.

        • In der Einleitung gibt Caesar einen Überblick über das Land und erwähnt in diesem Zusammenhang die linksrheinischen Belger und die rechtsrheinischen Germanen.

          • Das kann er zu Beginn des Kriegs noch nicht aus eigener Anschauung wissen,

            • hat also seine Kenntnisse vom Hörensagen

            • oder hat die Einleitung erst nachträglich geschrieben.

        • Konkrete Germanen nennt Caesar im Zusammenhang mit Ariovist, dem "König der Germanen".

        • Erst im 2. Kriegsjahr hat er mit den den Belgern und ihren "germanischen" Verbündeten zu tun.

          • Das ist doch eher eine geographische Bezeichnung ("rechtsrheinisch") als eine ethnische. Noch Strabo sieht ein Menschenleben später keinen großen Unterschied zwischen Belgern und "Germanen" - außer einem gewissen Kulturgefälle.

      • Nach der historischen Reihenfolge müssen wir annehmen, dass Caesar den Germanennamen durch Ariovist kennengelernt hat und in der Folge auf alle Gruppen überträgt, die in seiner Zeit in großen Scharen über den Rhein kommen,

        • und nennt das Land nach einigem Herumprobieren

          • fines Germanorum 'Bezirk der Germanen' (1,27,4)

          • Germanorum ager 'Gefilde der Germanen' (1,31,11)

          • schließlich im 4. Kriegsjahr (55/55 v. Chr.) erstmals Germania (4,4,1).

        Damit hat er ein politisches Schlagwort geschaffen, um den Zweck seines Krieges zu erklären: Er muss das Land der linksrheinischen "Gallier" erobern, um sie vor den Angriffen der rechtsrheinischen "Germanen" zu schützen. Der Rhein sollte also die Ostgrenze des römischen Einflussbereiches sein. Dass seine Definition nicht stimmte, hat Caesar selbst gewusst, da er "Germanen" und "Gallier" kannte, die auf der falschen Rheinseite ansässig waren.

    • 0b"+ Plinius erwähnt "Germani" auf der iberischen Halbinsel.

      • Das waren doch eher eingewanderte Kelten als einheimische Iberer.

        • "Germani" war ein anderer Name der Oretani (Bewohner der Stadt Ōreton in Kastilien 2,871f)

      • Germani kann römische Prädikat sein, etwa wie Strabo die 'echten', im Unterschied zu Oretani anderer Herkunft oder 'Brüder, Stammverwandte'.

        • nur Spekulation

        Dass die Oretani "Germanen" in unserm Sinn waren, ist auf jeden Fall unwahrscheinlich.

  • Formales

    • Eine Bildung auf idg. -meno- dient als mediales Partizipium ... [nur] im Griech. ... Das [Aind.] hat dafür ... -māna- verwendet. Reste einer zugehörigen Bildung finden sich auch noch im Lat... 2,88

      • kommt also für VN nicht infrage.

    • -men > -man bildete Nomina actionis (aind. dā-mán- 'Gabe') und agentis (aind. dā-mán- 'Geber' 3,127

      • kelt. Suffix -măno- = *-mɐno in kelt. Namen und Appellativa 2,410

      • Das spricht für ein kelt. Wort.

    • Lat. Romānus ≠ Ro-manus :: Romā-nus, vgl. Muselman ≠ Musel-man :: Muslim-an.

      • Aber VN Germanus ≮ *germ- (nkelt. garm 'Ruf, Schrei'), denn -m- ist selbst Suffix (Heim < *cëi- 'liegen, Lager...).

  • Deutungen

    • Ger-Mannen

      • ein längst widerlegter Irrtum, da es sonst *Gaesomanni heißen müsste

    • Begehr-Mannen (Holder)

      • bei Ceno-mani (kelt. Suffix) > -manni war's umgekehrt, daher unwahrscheinlich.

    • Nachbarn (DWB)

      • air. gair 'kurz' > *auf kurze Entfernung > nahe* kommt wegen des a nicht infrage.

    • Schreier (DWB, TH)

      • *ƺar- 'rufen schreien' kommt trotz der passenden Bedeutung wegen der durchgängigen a-Lautung nicht in Frage,

        *ger- 'heiser schreien' passt zwar in der Lautung, aber nicht in der Bedeutung'.

        • dazu allerdings cymr. †germain 'weinen, schreien, jammern, heulen (bzw. Verbalnomen)' 195, das bei Pokorny nicht aufgeführt ist.

          • Ger-main ist Inf. und entspricht §474(16) ir. gairm 'Ruf' < gáir 'rufen, schreien, lachen, lächeln'. 170

        "Schreier" ist also lautlich unmöglich.

      • Alternativen:

        • Pokorny

          • 1. ger-, gere- zusammenfassen, sammeln' > aind. grama-ḥ 'Haufen, Schar, Dorf, Gemeinde', lat. gremium 'Armvoll, Schoß'

          • 3. ger- 'drehen, winden' > *gor-mos 'Flechtwerk'

          • 3. gher- 'hervorstechen' > griech. χάρμη kʰármē 'obere Lanzenspitze'

          • 1. g̑her- 'begehren, gern haben' > griech. χάρμα kʰárma 'Freude, Vergnügen'

          nicht überzeugend

    • Wäldler (Meyers)

      • unbegründet

    • warm (Pokorny)

      • auf Personen bezogen wie in illyr. PN

      • Übers Benennungsmotiv kann man nur spekulieren.

        • wie apreuß. gorme 'Hitze', garewingi 'brünstig'?

        • 'Leute aus Germa' (wie Romani < Roma)

          • heiße Quellen in Aachen und Wiesbaden

          nicht unwahrscheinlich. Die SN sind aber nicht belegt.

      • Kelt. hat vorwiegend ga-, Lat. fo-. Germ- ist nur auf dem Balkan bezeugt. Also für die "Germanen" unwahrscheinlich.

      • Handelte es sich um eine den Belgern verwandte Gruppe?

        • belg. VN auf -ani: Ambiani, Paemani

        • nicht keltisch :: germanische Namen

          • Paemani VN (kelt. ø, germ. f)

          • Parisii an der Sequana VN (*p = kelt. ø, germ. f, = Frisii?)

          • Sequana FsN 'Seine' (ǩ kelt. p / c)

      zu viel Unsicherheit

    • Übersetzungswort Brüder (TH)

      • Dagegen scheint die frühe Erwähnung bei Poseidonios zu sprechen.

        • Die Stelle ist aber nur bei Athenaios (2°+) überliefert, der den Germanennamen kannte und vielleicht falsch gelesen oder interpretiert hat,

        • sie ist also kein schlagendes Argument.

      • Die Deutung Semnones 'Sippengenossen' und Suebi 'die eigenen Leute' wurde auf Seite Diskussion Sueben als möglich erwiesen.

      • Lat. gĕrmānus bedeutet 'leiblich, echt, recht (Bruder, Schwester); geschwisterlich, verschwistert; leibhaftig, echt, wahr, wirklich; leiblicher Bruder, Halbbruder'. 379

        • Dagegen bezeichnete frater auch schon vorchristlich eine nicht blutsverwandte nahestehende Person (Freund, Bundesgenosse). 363f

        • Im Lat. wurde

          • 'Sippengenossen' = gentiles 'zur selben Sippe gehörig'

          • 'die eigenen Leute' = mei, nostri 'die Meinigen, die Unsrigen'

          anders ausgedrückt.

      • Es muss bedacht werden, dass

        • Strabo als einziger den Germanennamen deutet, u. zw. nicht als 'Brüder', sondern als 'echte, wahre (Kelten)'.

        • die Sueben nicht nur eine Stammesgruppe, sondern ein großer Verband waren, bzw. schon früh ein Sammelbegriff für die Bewohner des Landes rechts des Rheins waren.

    • Germani / kelt. Cenomani (TH)

      • Bei Ger-mani (ohne Bindevokal) ist -man- zweifelsfrei Suffix,

      • Bei Cen-o-mani kann -man- sein

        • Suffix sein wie griech. genó-menos 'geworden'

        • Glied einer Zusammensetzung wie griech. pʰiló-sopʰos 'Freund der Weisheit'

Erklärung

  • keine überzeugende Erklärung

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Heinrich Tischner

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64625 Bensheim

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Aktuell: 03.09.2019