Diskussion Sueben, Semnonen

Befund | Theorien | Diskussion | Klärung | Erklärung

Befund

  • Sueben

    • lat. Suebi (Caesar, Bellum Gallicum 1,37,3)

    • griech. Συηβοι Suēboi (Ptol., Geographie 2,11,8 )

  • Semnonen

    • lat. Semnones (Tacitus, Germania 38 f)

    • griech. Σεμνονες Semnones (Ptolemäus, Geographie 2,11,8 )

  • Nach Tac. und Ptol. waren die Semnonen eine Untergruppierung der Sueben.

Theorien

  • Stammesnamen

    • Sueben

      • Pokorny 3. s(ʊ)e-bʰ(o)-, sʊo-bʰo- 'von eigener Art': ... dazu dehnstufig die germ. Suēbi, ahd. Swābā 'Schwaben' (germ. *swēba-, idg. *sʊēbʰo- 'frei, zum eigenen Volk gehörig'); russ. (usw.) o-soba 'Person', sobь 'Eigenart, Charakter', aksl. sobьstvo 'Eigenart, Wesen', und mit sʊ- aksl. svoboda 'Freiheit' (ursprgl. 'Zustand der Sippenangehörigen')...

    • Semnonen

      • Pokorny 3. s(ʊ)e-bʰ(o)-, sʊo-bʰo- 'von eigener Art': ai. sabhā́ 'Versammlung, Gemeindehaus' ...; got. sibja, ahd. sipp(e)a usw. 'Sippe, Gesamtheit der eigenen Leute' (*seƀjō); germ. *seƀnō- und *seƀnan- 'Sippe' in aisl. sjafni m. 'Liebe', GN sjǫfn f., VN *Seƀnan-ez >Semnones 'Sippegenossen; dazu der VN lat. Sabīnī als 'die Sippenangehörigen', Sabelli (*safnolo-), Samnium = osk. Safinim; lat. Samnītes; vielleicht ein von den in Italien wohnhaften Illyriern bezogener Name mit a aus idg. o, vgl. slav. sob-;

        • slaw. o < ă / ŏ :: a < ā / ō  75 

    ✳ Flussnamen

    • Sueben TH 2005

      • Normalerweise heißen die Anwohner nach dem Fluss und nicht umgekehrt. Daher lässt sich der Suebi-Name am einfachsten damit erklären, dass sich die Auswanderer nach ihrem Heimatfluss nannten:

        Germ. *Swēƀōs waren die 'Leute vom Fluss Συῆβος Swêbos, germ. *Swēƀaż'

      • Der Flussname ist Dehnstufe von ahd. swĕb 'Flut, Strudel',
        abgeleitet von ahd.
        swĕbēn 'branden, wogen, schweben, schwimmen'
        310 > nhd. schweben 'schwerelos dahingleiten'.

        • Ein ähnlich breites Bedeutungsspektrum hat cymr. chwyfio 'sich bewegen', dazu chwyf  'Bewegung'

        Das Wort ist wohl eine s-Erweiterung (Abklang) zu  mhd. weben 'sich hin- und herbewegen'.

      • dazu der Name der fränkischen Stadt Schwabach.

      • Im Ahd. wurde germ. ē > ā,

        • vgl. engl. sheep = dt. Schaf,

      • daher: germ. *Swēƀōs > ahd. Swābā > nhd. Schwaben.

    • Semnonen TH 2019:

      • Pokorny sem-1 'schöpfen, gießen'

        • ... illyr. FsN Semnus (Lucanien) ...

      • FsN Siemina > Seemen 491

Diskussion

  • Beide Deutungen gibt's auch für Schwabach bei Nürnberg:

    • DudenGND (1993) 255 zum VN Schwaben ... gebildet

    • GreuleO (2011) 573 Für die beliebte Erklärung ... 'Gewässer, an dem Schwaben wohnen, fehlen sprachliche und historische Indizien. Ungezwungen ist die Verbindung mit ... *swab- ... 'schwappen'

      • sprachlich ???: 11" Suabach

        • lässt nicht erkennen ob ă oder ā < ē.

        • kann Sua-bach und Suab-ach sein.

      • historisch:

        • Schwabach liegt genau nördlich von Augsburg am Lech, Grenzfluss zwischen Schwaben und Bayern.

        • Stammesnamen in fremdem Gebiet:

          • Bad Dürkheim, Pfalz < 778 Turincheim < Thüring O140

          • Baiersbronn, Kreis Freudenstadt

          • Bayerseich bei Egelsbach

          • 4 Friesenheim in SW-Deutschland

          • Die Orte auf Sachsen < Sassen können auch zu Sasse 'Einwohner' gehören.

          • Schwabing bei München im Herzen von Bayern

          Die einfachste Erklärung: von Auswanderern gegründet oder FaN.

  • Suēb-

    • Ahd. swĕbēn > schweben ist ein schwaches, nicht ablautendes Verb. Suēb- zeigt aber Ablaut.

    • Pfeifer (1995 / 2005) verbindet schweben mit schweifen und dem st. aengl. swīfan 'umherschweifen, gleiten, streichen'

      • ⒢ Ablaut ī / ei / ĭ. 2,118
        Aus dem PPP *swĭƀana hätte ein schw. *swĕƀōn werden können,

        • Umlaut i > e vor a, o

        aber doch nicht swĕbēn, das !swĭbēn hätte lauten müssen, wie ahd. wizzan 'wissen' / wizzēn 'weise werden' 381 

      • swebēn / -ōn ist eher denominal < sweb 'Strudel, Wirbel, Luft'

    • Eine Dehnstufe mit ē ist für schweben nicht bezeugt,

      wohl aber für

      • *ʊebʰ- 'weben; sich hin und her bewegen': anord. ...váfa, aengl. wǽfre 'Spinne' (beides < ē), toch B wāp 'weben'

        • Ś ist gesichert durch mhd. wappen / nhd. schwappen.

      • und für die Wurzel *s(ʊ)e 'für sich > got. swēs, ahd. swās 'eigen', von der man auch Sueben ableiten kann.

  • Semnones < *Seƀnaneż

    • bn > mn

      • ⒡ *abnis > lat. amnis 'Fluss'
        lat. Samnium = osk. Safinim

        Dulgubnii
        TacG 34 / Δουλγούμνιοι Dulgúmnioi Ptol. 2.21.9

      • Abnoba, anord. sjafni 'Liebe' 538

      • beides: ahd. hraban 257 = anord. hrafn 538 :: ahd. hram 'Rabe' 258 

      Semnones < *Seƀnaneż ist also möglich.

Klärung

  • Das Nebeneinander von Fluss Suēbos und Stamm Suēbi ist durch Ptol. 2,11,8 gesichert.

    • Dazu muss aber bemerkt werden, dass die Sueben 1b" nach Tac. (38 ff) ein sehr großes Gebiet beidseits der Elbe bewohnten, vom Ozean(?) (40) bis zur Donau (41) und 2a" nach Ptol. (1,11,7) sogar südlich der Chauken westlich der Weser.

      • Lag die heilige Insel der Göttin Nerthus wirklich im "Ozean", wie Tac. glaubte, oder doch nicht eher im selben lacus 'Binnensee', in dem der Wagen am Ende der Prozession gewaschen wurde? Sonst müsste erklärt werden, wie der Wagen wieder auf die Ozeaninsel kam, ohne sich erneut zu verunreinigen. Eher sollte man an einen der vielen norddeutschen Seen denken.

      • naheliegende Verwechslung die See 'oceanus' :: der See 'lacus'?

        • vgl. Bodensee / Steinhuder Meer, beides Binnenseen.

    • Der Suebos-Fluss kann allenfalls die Ostgrenze gewesen sein und scheidet damit als Namensgeber aus.

    • Es ist auch kaum vorstellbar, dass sich ein Volk 'Flüsse' nennt  (Suebos 'Fluss', Pl. Sueboi). Die Anwohnernamen bildet man mit Suffix (Amper > Ambrones) oder als Zusammensetzung (Neckar > Suebi Nicreti).

  • Dagegen ist der Zusammenhang zwischen den ostdeutschen Semnonen und dem süditalienischen Fluss Semnus buchstäblich weit hergeholt und wird auch nicht einleuchtender, wenn man den osthessischen Seemenbach vergleicht. Und selbst wenn das ein alteuropäischer Flussname ist, ist er doch in Ostdeutschland nicht bezeugt.

    • Ptol. nennt aber einen Sēmanos-Wald "unterhalb des Melibokon-Gebirges" westlich der Elbe (1,11,5).

      • Sĕmnones : Sēmanos = swĕb :: Suēbos

      • Mangels weiterer Hinweise ist der Wald aber nicht zu lokalisieren oder mit anderen Namen wie Seemenbach zu vergleichen. Die angebliche Lage westlich der Elbe schließt einen Zusammenhang mit den Semnonen aus und was anderes wissen wir nicht. Daran ändert auch nichts, dass die geographischen Angaben bei Ptol. ungenau oder gar falsch sind.

      • Aber vielleicht ist der FsN Siemina > Seemenbach 491 doch zu vergleichen:

        • Das ē in Sēmanos kann normales idg. ē > ā sein oder ē2 > ahd. ie 1,52

        • Damit wäre der Wald lokalisiert, aber immer noch kein Zusammenhang mit den Semnonen zu erkennen.

  • Also:

    • Semnones < FsN lässt sich nicht halten.

    • Suebi: "Flüsse" sind keine Flussanwohner.

Erklärung

  • Swebi + *Sebnones zum Pronomen *s(ʊ)e- 'für sich'.

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Heinrich Tischner

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Aktuell: 03.09.2019