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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Eine schöne Bescherung?

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Eine schöne Bescherung war das, als Onkel Friedrich an Heiligabend auf der Heimfahrt einen Unfall hatte und dann auch noch der Weihnachtsbaum zu brennen anfing.
Nein, das war gar keine "schöne Bescherung", sondern das waren zwei sehr unangenehme Zwischenfälle, die der Familie den ganzen Weihnachtsabend verdarben.
Im Jahr vorher war's wirklich eine "schöne Bescherung" gewesen, mit stimmungsvoller Kerzenbeleuchtung, schöner Musik, liebevoll ausgesuchten Geschenken und einem harmonischen Familientreffen.

Wie erkennen wir, was wirklich gemeint ist? Bei den Beispielen oben natürlich aus dem Zusammenhang. Und sonst?

  • Erstens, weil die "schöne Bescherung" eine feste Redewendung ist, die eine unangenehme Überraschung meint. Wenn wir meinen, "es war ein schöner Bescherabend" oder "es gab schöne Geschenke", drücken wir uns anders aus.

  • Zweitens weil wir die beiden Wörter verschieden betonen: "eine schöne  Bescherung" (schlecht) – "eine schöne Bescherung" (gut).

Wenn wir das Gegenteil von dem meinen, was wir sagen, ist das eine Ironie. Dieses Wort aus dem Griechischen bedeutet 'Verstellung'.

Ursprünglich bezeichnete man mit "Ironie" nicht solche Redensarten, bei denen jeder weiß, was gemeint ist. Sondern es handelte sich um Tricks, mit denen ein Redner seine Zuhörer dahin bringen konnte, wo er wollte.
Ein schönes Beispiel: Shakespeares Julius Caesar (3,2):

Als Antonius in einer öffentlichen Rede behauptete, Caesars Mörder Brutus sei "ein ehrenwerter Mann", da klang das zunächst so, als sei es ernst gemeint. Dann aber wiederholte er diesen Satz so lange, bis er die Zuhörer vom Gegenteil überzeugt hatte.

Wenn Antonius gleich seine Meinung gesagt hätte, wäre er vielleicht ausgebuht worden. So aber sprach er zunächst aus, was einige seiner Zuhörer vermutlich dachten, und brachte sie damit auf seine Seite.

Wir kennen das auch, wenn wir etwa eine gute Nachricht so ankündigen, als sei etwas ganz Schlimmes passiert: "Ich muss dir mal was Trauriges sagen: Ich bin heute befördert worden." Die Zuhörerin ist auf das Schlimmste gefasst. Umso größer ist nachher die Überraschung und die Freude.

Wenn wir einen Verweis aussprechen, können sehr unterschiedliche Gefühle mitspielen. Es kann sein, dass wir uns wirklich bodenlos ärgern und wütend sind. Es kann auch sein, dass wir zwar pro forma tadeln müssen, aber Verständnis für den Gerügten haben und an seiner Stelle genauso gehandelt hätten. Manchmal sagen wir auch "Du bist ein raffiniertes Luder" – dem Wortlaut nach eine Missbilligung, tatsächlich aber eine versteckte Anerkennung oder sogar Bewunderung. Auch ein Tadel kann ironisch gemeint sein.

Es gibt Witzbolde, die ziehen andere Menschen absichtlich auf und sagen hinterher: "Das war nicht so gemeint." Auch das ist eine Art Ironie. Sie wollten sich wirklich nur einen Spaß machen.
Ein anderer dagegen diskutierte mit ein paar Leuten über die Rentenpläne und ließ dabei eine abschätzige Bemerkung über die Rentner fallen, die sich bequem und faul von den Jungen durchfüttern ließen. Er bekam von allen Seiten kräftig Widerspruch und machte den Rückzieher mit der Bemerkung: "Das habe ich nicht so gemeint. Es war nur ein Witz."
"Eine schöne Bescherung!" Ironie ist nämlich, wenn man nicht gleich alle Karten offen auf den Tisch legt, sondern seine wahre Meinung erst mal verbirgt.

   

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Sprachecke 01.09.2015

Sprachecke 16.02.2016

 

Datum: 09.12.2003

Aktuell: 09.02.2019