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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

möchten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wie bestellt man in einem Restaurant formvollendet ein Bier? In einem englischen Übungsbuch dient ein Restaurantbesuch als Anlass, das Wort möchten zu konjugieren: "I, you …  like to have …" heißt auf Deutsch "ich möchte, du möchtest …"

Gibt es denn eine eigene Vokabel möchten? "Ich möchte" ist der Konjunktiv von "ich mochte", und dies die Vergangenheit von "ich mag", dazu der Infinitiv "mögen". Genauso konjugieren wir "können, kann, konnte, könnte", "wissen, weiß, wusste, wüsste". Wieso soll möchten ein besonderes Verb sein?

Das hängt sicher damit zusammen, dass in der Umgangssprache "ich möchte" vor allem als höfliche Form an Stelle von "ich will" gebraucht wird, "ich mag" dagegen hat mehr den Sinn von 'ich liebe': "Ich mag dich" ist eine Liebeserklärung. Bei Formulierungen wie "Möchtest du Spinat? – Nein danke, ich mag keinen Spinat" kann man zwar in beiden Fällen mögen durch wollen ersetzen. Aber "ich mag keinen Spinat" bedeutet ja nicht "ich bin satt und will auch keine Kartoffeln und kein Ei", sondern "Spinat schmeckt mir nicht, ich esse grundsätzlich keinen".

Da fangen die beiden Verbformen "ich mag" und "ich möchte" an, verschiedene Bedeutungen zu entwickeln, so dass man glauben könnte, es handle sich um zwei eigene Wörter. Mit ein bisschen Nachdenken aber erkennen wir, dass möchte zu mögen und mag gehört.

Ursprünglich hatte mögen, althochdeutsch mugan ein viel weiteres Bedeutungsfeld: 'können, müssen, sollen, mächtig sein' (aber nicht 'lieben, wollen'), das sehen wir noch heute an den Ableitungen möglich 'machbar', vermögen 'die Fähigkeit und Kraft zu etwas haben', Vermögen 'Kapital' und Macht 'die Fähigkeit Einfluss zu nehmen'. Das ehemals synonyme können, althochdeutsch kunnan bedeutete dagegen 'eine Fertigkeit beherrschen, verstehen, wissen, kennen, Bescheid wissen', gehört also deutlich zu kennen 'wissen' und Kunst, eigentlich 'Fertigkeit, Fähigkeit'.
Fragen: wissen / kennen

Beide Wörter werden heute noch als Vollverben gebraucht: "Ich mag dich; ich mag keinen Spinat" und "ich kann Latein", 'ich beherrsche die lateinische Sprache'. Meist dienen sie aber als modale Hilfsverben, die bestimmte grammatische Funktionen ausdrücken, die etwa im Lateinischen durch Endungen gekennzeichnet werden: "Valeas" 'möge es dir wohl ergehen, ich wünsche dir alles Gute', "taceas" 'mögest du doch schweigen, kannst du nicht den Mund halten?' Modalverben mildern die Härte von Indikativ und Imperativ: "Es gibt Regen" klingt nach unumstößlicher Gewissheit, die bei "es kann Regen geben" fehlt. "Mach's Fenster zu!" ist ein Befehl, der keinen Widerspruch duldet –"kannst du mal das Fenster zumachen?" dagegen eine höfliche Bitte, über die sich reden lässt.

   

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Datum: 05.07.2005

Aktuell: 09.02.2019