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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Quetschekuche

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Es geht nichts über ein Stück hessischen "Quetschekuche". Dieser mit Pflaumen belegte Hefekuchen hält selbst einem Vergleich mit Schwarzwälder Kirsch und Sachertorte stand. Einfach lecker, besonders wenn er frisch aus dem Ofen kommt!

Was die Hessen Quetsche nennen, heißt standardsprachlich Zwetsche, in Süddeutschland und der Schweiz Zwetschge und in Österreich Zwetschke. Alle vier Schreibungen sind nach Duden zulässig. In der Aussprache unterscheidet sich Quetschen 'Pflaumen' von quetschen 'pressen' dadurch, dass das E beim Wort für 'Pflaume' mehr wie bei See (e) klingt, beim Wort für 'pressen' dagegen mehr wie das Ä in Bär (ä), in beiden Fällen aber kurz.

Grund für diesen verwirrenden Unterschied: Beim Verb quetschen (ä) handelt es sich um ein ursprüngliches E, bei den Quetschen (e) um ein umgelautetes A, ähnlich wie in der hessischen Aussprache von "das Feld" (ä) und "er fällt" (e).

Wie kommt es aber zu diesem merkwürdigen Wort mit seinen unterschiedlichen Schreibungen und Lautungen? Unsere Vorfahren lernten diese Frucht zunächst von den Römern unter dem Namen Pflaume, lateinisch prunum, kennen, wohl schon in veredelter Form und in mehreren Sorten. Im Spätmittelalter kam aus Italien und Frankreich eine größere Neuzüchtung zu uns, die auf Lateinisch damascena hieß, 'die Frucht aus Damaskus'  hieß. Die Umgebung der syrischen Hauptstadt war schon im Altertum ein wichtiges Obstanbaugebiet. In Deutschland erscheint dann im 15. Jahrhundert das Wort Tzwetzschen. Die Formen mit -schg-, -schk- sind wohl Erinnerungen daran, dass noch in dieser Zeit in manchen Gegenden sch nicht wie heute, sondern wie sch-ch, schk ausgesprochen wurde.

Dieses Tzwetzschen geht nicht direkt auf damascena zurück, sondern auf Italienisch davascena, gesprochen "dawastschena", verkürzt dvascena. Wörter, die im Germanischen mit dw-, im Mittelhochdeutschen mit tw- begannen, lauten im Neuhochdeutschen mit zw- oder qu- an: Zwingenberg z.B. hieß ursprünglich Twingenberg und für Zwerg schrieb man twerc oder querc.

Der Name des Winzlings ist zugleich ein weiteres Beispiel, wo tw- zu zw- und qu- geworden ist. Heute noch haben wir dieses Nebeneinander auch bei quer und zwerch (Zwerchfell), beides aus twerh, twerch. Die hessischen Quetschen stehen also gar nicht so einsam da.

In Süddeutschland unterscheiden wir heute noch auch im täglichen Sprachgebrauch zwischen der älteren Sorte, den kugelrunden Pflaumen und den neueren länglichen Zwetschen. In Norddeutschland heißen beide Pflaumen. Nur die Züchter unterscheiden die verschiedenen Sorten.

Norddeutscher Pflaumenkuchen und süddeutscher Zwetsch(g)enkuchen sind genauso lecker wie der hessische "Quetschekuche", je nachdem, wie süß die Früchte sind.

   

 

 

Leserbrief

Wollte Sie darauf aufmerksam machen, dass die kleinen kugelrunden Pflaumen in unserer Gegend, d.h. in Georgenhausen: Krischen und in Spachbrücken: Boxen genannt wurden.

Meine Antwort:

Habe im Südhessischen Wörterbuch nachgesehen:

Krieche ist häufig, vom Odenwald bis zum Main, aber wenig am Rhein, vielleicht zu "Grieche" = griechische Pflaume.

Bockse kommt wohl von "Bock", angeblich "Bockshode", und ist nur im ehemaligen Kreis Dieburg belegt.

 

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Übersicht

 

Etymologie damascena

 

Datum: 27.09.2005

Aktuell: 09.02.2019