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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sonne und Mond

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Im Deutschen ist die Sonne feminin, der Mond maskulin. Das schien einem Leser unlogisch, da doch die Sonne dem Tag (maskulin) und der Mond der Nacht (feminin) und dem weiblichen Zyklus zugeordnet werden. Viele absolutistische Staaten huldigten dem männlichen Sonnengott, dem himmlischen Gegenstück des irdischen Königs: etwa die Ägypter, Hethiter, Römer, Inkas. Der japanische Kaiser dagegen verehrt eine Sonnengöttin als seine Ahnfrau und den Mondgott.

Sind wir Deutschen und der Tenno mit der weiblichen Sonne und dem männlichen Mond wirklich so allein auf der Welt? Ein Blick in 33 europäische Wörterbücher zeigt: Die Wörter für 'Sonne' sind 11x maskulin, 10x feminin, 9x neutral und 6x ohne Geschlecht (manche Sprachen kennen kein grammatisches Geschlecht). Die Wörter für 'Mond' sind 9x maskulin, 17x feminin, 6x neutral und 4x ohne Geschlecht. Dabei ist zu beachten, dass die Ausdrücke in den 6 romanischen und in den 7 slawischen Sprachen jeweils fast gleich sind. Da ein paar Sprachen zwei Bezeichnungen für einen dieser Himmelskörper haben, gibt es tatsächlich mehr als 2 x 33 Wörter.

Schon die westgermanischen Sprachen sind nicht einheitlich: Deutsch die Sonne, der Mond sind im Niederländischen beide feminin, im Englischen aber neutral.

Auch die außereuropäischen Sprachen erwecken nicht den Eindruck, als sei es völlig normal, dass das Taggestirn männlich, das Nachtgestirn weiblich sei. In den semitischen Sprachen sind beide Himmelskörper maskulin und in beiden sah man Verkörperungen männlicher Götter. Viele Sprachen, wie die Finnen, Ungarn und Basken, haben überhaupt kein grammatisches Geschlecht.

Bei den indogermanischen Sprachen, zu denen auch das Deutsche gehört, gibt es von Alters her drei Geschlechter: maskulin, feminin, neutral. Das Englische ist eine der wenigen Sprachen, die ziemlich konsequent sind: Hier sind die Lebewesen maskulin oder feminin und alles andere ist neutral, auch Sonne und Mond.

Wenn es im Indogermanischen jemals eine Ordnung wie im Englischen gab, wurde sie doch sehr früh zerstört, und zwar dadurch, dass man versuchte, den Endungen bestimmte grammatische Geschlechter zuzuordnen. Im Lateinischen ist -a normalerweise feminin, -us dagegen maskulin. Trotzdem gibt es noch Reste einer älteren Sprachstufe wie agricola, maskulin, 'Bauer' oder fagus, feminin, 'Buche'. Eine germanische Göttin hieß bei Tacitus Nerthus, achthundert Jahre später verehrten die Nordleute einen männlichen Njördr: -us und das daraus abgeleitete -r gelten als maskuline Endungen. Das grammatische Geschlecht wird heute also häufig von den Endungen bestimmt und weniger von unsern Vorstellungen. Das gilt auch für Sonne und Mond (althochdeutsch sunna, mâno).

   

 

 

Leserbrief:

In der Schule habe ich gelernt, dass der Mond im Deutschen maskulin ist, weil ein Deutscher es nie erlauben würde, dass eine Dame alleine durch die Nacht wandert.

 

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Fragen | Sprachecke 10.07.2012

 

Datum: 04.10.2005

Aktuell: 09.02.2019