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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Entführung aus dem Serail

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Eine spanische Dame wird mit ihrer Dienerin von Seeräubern gefangen und an einen türkischen Pascha ("Bassa") verkauft. Ihr Verlobter versucht sie aus dem "Serail" zu befreien: Ein Abenteuer, das Mozart in seinem Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" musikalisch umgesetzt hat.

Selbstverständlich leben die beiden Europäerinnen im Harem, der Frauenwohnung des Kommandanten. Aber ein Serail ist kein Harem, sondern ein orientalischer Palast. Das Wort kommt von persisch sarâ(j) 'großes Haus' und hatte im Osmanischen die Bedeutung 'Palast' angenommen. Im Französischen musste man dieses Wort mit L schreiben, damit es nicht "serä" ausgesprochen wurde. So wurde es ins Deutsche übernommen, "Serail" geschrieben und "Serái" gesprochen. Das persische Wort ist auch in kârwân-sarâj 'Raststätte für reisende Kaufleute' enthalten, daher unser Karawanserei.

Das alles lässt sich in Wörterbüchern nachschlagen. Woher kommt aber dieses Wort sarâ(j)? 'Haus, Wohnung' bedeutet es nicht nur im Persischen, sondern auch in der pakistanischen Sprache Urdu. Aus einer iranischen Sprache scheint auch russisch saráj 'Scheune' zu stammen. Da im Altiranischen S zu H geworden ist (persisch haft entspricht unserm sieben), wird das S in sarâ nicht ursprünglich sein, sondern aus K entstanden: Persisch sar entspricht griechisch kará 'Kopf'. Ferner wechselt im Indoiranischen L mit R: Altindisch laghú, raghú 'leicht' ist verwandt mit griechisch elakhýs 'gering', lateinisch levis, deutsch leicht. Zu iranisch sarâ gehören also altindisch salâ 'Hütte, Haus, Zimmer' und griechisch kaliá 'Hütte, Scheune, Nest, Kerker', lateinisch cella 'Kammer (deutsch Zelle)' und unser Halle 'Gebäude mit einem großen Raum', zu hehlen, lateinisch celare 'verbergen'.

Wie noch an der altlateinischen Schreibung zu erkennen, hatte das Indogermanische drei K-Laute: ein "normales" K, hinten im Hals gesprochen (Kalendae 'Monatserster'), ein C mit gehobenem Zungenrücken, am Gaumen gesprochen (cista 'Kiste') und ein Q, mit gerundeten Lippen gesprochen (quis 'wer', quod 'was'). Das C wurde in den ostindogermanischen Sprachen (slawisch, indoiranisch) zu S. In den westeuropäischen Sprachen wurde C zu K und im Germanischen zu H. Das erklärt das Nebeneinander von altindisch salâ, griechisch kaliá und deutsch Halle.

Gehört auch unser Saal 'großer Innenraum' dazu? Da das Germanische sonst kein S aus K kennt, müsste Saal ein Lehnwort aus einer ostindogermanischen Sprache sein. Vergleichbar sind litauisch salà und altslawisch selo 'Dorf' (Bedeutungswandel: aus 'Wohnhaus' wurde 'Wohnort').

Von Saal schließt sich der Kreis zu Serail: Auch altenglisch sæl 'Saal' kann 'Palast' bedeuten.
 

   

 

 

Frage

Ihr heutiger Beitrag veranlasst mich zu dem Hinweis, dass im Türkischen das Wort kale dem deutschen 'Festung, Fort' entspricht und vielleicht ein Lehnwort aus dem Persischen ist. Ob das türkische Wort burç mit dem sinngleichen deutschen Wort Burg im Zusammenhang steht, weiß ich nicht. Auch scheint mir sehr zweifelhaft, dass türkisch kule (deutsch 'Turm') mit kale verwandt ist.

 

Meine Antwort

Türkisch burç bedeutet nach meinem Wörterbuch 'Festungsturm' und stammt mit Sicherheit aus arabisch  برجburğ und dies aus lateinisch burgus und dies aus griechisch πύργος (pýrgos) 'Turm'. Wegen der Bedeutung 'Turm' kann das orientalische Wort nicht aus dem Germanischen kommen, wo burg 'Festung' oder 'Stadt' bedeutet hat. Also muss das griechische oder lateinische Wort zugrunde liegen. In byzantinischer Zeit aber hieß der Turm wie heute [pírɣos], daher kommt als Quelle nur lateinisch burgus in Frage. Wenn die Türken dieses Wort übernommen hätten, würde man es heute mit <ğ> schreiben. Im Arabischen ist ursprüngliches /g/ zu /ğ/ geworden, daher stammt das türkische Wort aus dem Arabischen.

Zu kale, kule: Es gab ein alttürkische qalïq 'oberes Stockwerk, Söller, Firmament', neutürkisch auch mit kule übersetzt. Es erinnert mich an gotisch kelikn 'Turm', das aus altkeltisch celicnon 'Turm' stammt, dies zu indogermanisch *kel- 'erheben'. Die Alttürken (Uiguren) saßen aber damals in Zentralasien. Wahrscheinlich besteht da kein Zusammenhang.

Eher scheint mir das türkische Wort über persisch قلعه (ġal'e) aus arabisch قلعه (qalʕa) 'Burg' zu stammen, das seiner Lautung nach semitisch ist, was ich aber nicht weiter zurückverfolgend kann. Das entsprechende Verbum bedeutet 'ausreißen, absegeln' und passt nicht dazu.

Ein Zusammenhang mit Halle usw. scheint mir wegen der arabischen und persischen Lautung unwahrscheinlich, zumal eine Halle ja noch oben, eine Festung dagegen nach außen geschützt ist.

Leserbrief
Eine Leserin macht mich darauf aufmerksam, dass Karawanserei nicht persische ist, weil es dort eine andere Wortstellung gibt. Das Wort wäre dann eine europäische Zusammensetztuzng aus persischen Vokabeln.

 

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Übersicht

 

Echo Online

Etymologie

 

Datum: 07.02.2006

Aktuell: 09.02.2019