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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Herr Genosse

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Kommunisten haben sich in sowjetischer Zeit mit "Genosse, Genossin" angeredet, 'Nutznießer am gemeinsamen Eigentum' (althochdeutsch nôz 'Vieh'). In Russland sagte man товарищ towárištš 'Kamerad, Freund' für beide Geschlechter, eigentlich 'Geschäftspartner' (zu товар towár 'Ware' aus alttürkisch tawar 'Habe, Güter'). Heute will keiner mehr was davon hören, stattdessen greift man wieder auf господин gospodín, госпожа gospožá 'Herr, Frau' zurück.

Schade, denn "Genosse" oder "Kameradin" drücken besser als "Herr, Frau" unser demokratisches Miteinander aus. "Herr, Frau", das können wir heute doch bloß als höfliche Anrede, als Ausdruck der Achtung verstehen, die wir vor jedem Menschen haben sollten. Die so Angesprochenen sind aber nicht unsere "Herren" im ursprünglichen Sinn. Sie haben uns keine Vorschriften zu machen.

"Herr, Frau" sind Überbleibsel aus dem Mittelalter. Damals nannte man hoch stehende Persönlichkeiten so, etwa den Adligen, besonders den Gutsherrn, den Beamten, Reichen oder Gebildeten, aber auch den Hausvater oder Arbeitgeber. Seit 200 Jahren wurde in der bürgerlichen Gesellschaft diese Anrede verallgemeinert und auf jeden erwachsenen Menschen übertragen.

Dabei war gerade das Wort Herr im frühen Mittelalter eine revolutionäre Neuerung: Althochdeutsch hêriro, hêrro ist eine Steigerungsform von hêr 'hehr, alt, ehrwürdig, von hohem Rang' und entspricht lateinisch senior 'älter' mit seinen Folgeformen: italienisch signore, spanisch señor, französisch seigneur, Sire, rätoromanisch signur, englisch Sir, die alle 'Herr' bedeuten. Die neuen Vokabeln traten an die Stelle von lateinisch dominus (ursprünglich Oberhaupt einer domus 'Hausgemeinschaft') und germanisch frawa(n), althochdeutsch frôn 'der Vorderste' (zu vor, vorn). Von der weiblichen Form frawjo, frouwa 'Herrin' stammt unser Wort Frau.

Dieser sprachliche Wandel ist Ausdruck eines gesellschaftlichen, des Übergangs von der antiken Sklavenwirtschaft zur mittelalterlichen Grundherrschaft. Dominus nannte man den Sklavenbesitzer und den "göttlichen Kaiser". Das lateinische und das germanische Wort bezeichneten auch heidnische Götter und den christlichen Gott, eigneten sich also nicht zur Anrede für den mittelalterlichen Grundherrn. Die Neuerung senior, hêriro greift auf urtümliche Erfahrungen in der Familie zurück.

Das alte slawische Wort für 'Herr' lautet pan, vielleicht zusammengezogen aus indogermanisch potnos 'der Mächtige'. Господин Gospodín scheint im Mittelalter aufgekommen zu sein, entstanden aus ghosti-potis 'Gastherr': In alter Zeit war der Hausherr für Wohlergehen und Sicherheit des Reisenden verantwortlich, der bei ihm übernachtete. Der Gast dagegen unterstellte sich der Autorität seines Gastgebers.

 

 

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Echo Online

Etymologie "Herr" | Sprachecke 27.01.2015

 

Datum: 21.11.2006

Aktuell: 09.02.2019