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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

50 Jahre Europa

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schon 50 Jahre ist es her, dass die ersten zaghaften Versuche gemacht wurden, in Westeuropa wirtschaftlich und politisch zusammenzuarbeiten. Erst vor einem halben Jahrhundert waren die Völker soweit, nach vielen schrecklichen Kriegen ihre alten Rivalitäten zu vergessen und freiwillig zu einer neuen Einheit zusammenzufinden. Wie lange wird es dauern, bis wir gelernt haben, uns als Europäer, ja als Weltbürger zu verstehen?

Eine Einheit, die auch Probleme schafft: Dreiundzwanzig Amtssprachen werden neuerdings in der Europäischen Union gesprochen. Alle offiziellen Verlautbarungen müssen in jede Sprache übersetzt werden. 467 Millionen Euro werden jährlich für Übersetzungsdienste ausgegeben.

Wie kommt es denn zu diesem Sprachengewirr? Haben nicht die Römer vor 2000 Jahren in Westeuropa das Lateinische durchgesetzt? In Italien, Teilen der Schweiz, Spanien, Portugal, Frankreich, halb Belgien und Rumänien werden ja heute noch die romanischen Nachfolgesprachen des Lateinischen gesprochen. Aber die haben sich getrennt weiterentwickelt, wie wir beim Französischen erkennen können: Grundlage ist eine Mischsprache aus Keltisch und Lateinisch. Die merkwürdige Zahlenbildung quatre vingt 'vier zwanzig' statt 'achtzig' ist keltisches Erbe. Die Franken brachten ihre Sprechgewohnheiten in diese Mischung ein. Sie sprachen Ch statt K und langes E statt langem A und sagten deshalb chanter statt cantare 'singen' und nannten die 'Wache' nicht custodia, sondern germanisch warda, heute garde.

Bis nach Mittel- und Nordeuropa hat der römische Arm nicht gereicht, da sprechen wir heute noch germanische Sprachen. Aber auch die haben sich auseinander entwickelt. Das Meer trennte den Norden und den Süden und die Menschen, die dort leben. Deutsche und die aus Schweden stammenden Dänen können sich nicht mehr verständigen. Auswanderer wie die Isländer und Angelsachsen haben eine Sonderentwicklung mitgemacht: In Island spricht man fast noch wie vor tausend Jahren, während die Briten keltische und französische Elemente aufgenommen haben. Die von Ost- nach Süddeutschland gezogenen Germanen ließen sich von den Kelten beeinflussen, die hier lebten.

Auch politische und religiöse Abspaltungen führen zur sprachlichen Trennung. Das können wir auf dem Balkan beobachten: Die orthodoxen Serben schreiben kyrillisch, die katholischen Kroaten lateinisch. Wenn sie sprechen, können sie sich so gut verständigen wie Hessen und Schwaben. Aber sie legen Wert darauf, dass das eigene Sprachen und nicht nur Dialekte sind.

Umgekehrt fördern größere soziale Gebilden eine Vereinheitlichung (Beispiel: Hochdeutsch statt Dialekt). Eine sprachliche Einigung Europas liegt aber noch in weiter Ferne.

   

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Echo Online

 

Datum: 27.03.2007

Aktuell: 09.02.2019