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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kleinbauern und Urkunden

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Freudestrahlend, manchmal auch enttäuscht, nahmen die jungen Menschen nach Abschluss ihres Studiums ihre Zeugnisse in Empfang. Ein bisschen verwirrend ging es zu: Die einen dürfen sich ab jetzt Diplom- (mit Berufsbezeichnung) nennen, die anderen Bachelor. Einige junge Damen hatten sich mit Schärpen geschmückt, auf denen Bachelorette stand, eine weibliche Form des englischen Titels nach dem amerikanischen Wort für 'unverheiratete Frau'.

Bachelor bedeutet im Englischen nicht nur 'Inhaber eines akademischen Titels', sondern auch 'Junggeselle'. Woher kommt dieser Ausdruck? Lateinisch baccalarius war im Mittelalter eine Art Steuerklasse. Es handelte sich um einen Mann, der nur wenig Land besaß, zu keltisch beccos 'klein' und laros 'Grund und Boden'. Dieser Kleinbauer konnte sich kein Pferd kaufen und musste daher den reitenden Herren Hilfsdienste leisten als 'Pferdeknecht' (italienisch baccalario) oder 'Knappe' (altfranzösisch bacheler. Das Wort bekam schließlich die Bedeutung 'Jüngling'). Die weibliche Form war bachelete 'Mädchen'. Das altfranzösische Wort wurde als bachelere ins Mittelenglische übernommen in der Bedeutung 'junger Mann, Junggeselle, junger Ritter'.

An der mittelalterlichen Universität bekam baccalarius die Bedeutung 'Student, der sein Grundstudium durch eine Zwischenprüfung beendet hat und sich nun dem Fachstudium zuwenden kann'. Später nannte man den Geprüften baccalaureus, das auf einer Dialektform beruht (walisisch llawr bach 'wenig Boden'). Im Walisischen wurde langes A zu Au (aw).

In Deutschland wurde nach 1800 das Grundstudium an die Schule verlagert und die Gymnasialausbildung um drei Jahre verlängert. Sie schließt mit dem Abitur, das an die Stelle der Baccalaureus-Prüfung trat.

Heute wird der englische Titel Bachelor nicht durch die Reifeprüfung, sondern durch ein Abschlussexamen an der Universität erworben. Er entspricht daher unserm Diplom. Διπλοῦς diploûs ist das griechische Wort für 'doppelt'. Δίπλωμα díplōma, lateinisch diplṓma, war eine Urkunde, die man "gedoppelt" (gefaltet, Bild) und versiegelt hatte. So nannte man auch historische Dokumente, Geleitbriefe, Empfehlungsschreiben für Gesandte und das Abschlusszeugnis. Die Franzosen bildeten aus diplôme das Adjektiv diplomatique 'die Urkunden betreffend'. Das Wort wurde speziell für die internationalen Vereinbarungen benutzt, daher unser Diplomat 'Beauftragter im Ausland', Diplomatie 'Verhandlungskunst' und diplomatisch 'die Auslandsvertretung betreffend, geschickt verhandelnd'.

Diplomanden, Bachelors und "Bacheloretten" bekamen nicht nur ihre Zeugnisse, sondern auch ein "Diplom", ein schön gestaltetes einseitiges DIN-A-4-Blatt, das den Erwerb des akademischen Grades bescheinigt.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Echo Online

 

Datum: 24.07.2007

Aktuell: 09.02.2019