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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Typen und Tafeln

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Der hat mich gestumpt", beklagte sich mein Nebenmann beim Lehrer. Ich hatte ihn mit dem Ellbogen gestoßen, weil er sich auf meiner Seite des Tisches breitgemacht hatte. Stumpen 'stoßen' entspricht schwäbisch stupfen, ohne M. Dazu gehört ohne S tupfen und tippen 'leicht berühren'. Da wurde also ein Wort mit Zusatzbuchstaben aufgepeppt, ähnlich wie bei tappen, stapfen, stampfen. Nach Auskunft der Nachschlagewerke sind das lautmalende Wörter, die sich nicht weiter zurückverfolgen lassen. Oder doch?

Tippen tun wir auch, wenn wir mit den Fingerspitzen die Tasten der Schreibmaschine und des Computers betätigen. Und nun wird es spannend: Dieses um 1900 mit der neuen Technik aufgekommene Wort scheint ein Lehnwort zu sein aus englisch to type 'Schreibmaschine schreiben'. Type heißt auch bei uns der Metallstempel, der aufs Farbband schlägt und den Buchstaben zu Papier bringt. Das Wort stammt aus der Druckersprache, aufgekommen um 1800, und bezeichnete die gegossenen Buchstaben (Lettern), aus denen man den Druckstock zusammensetze. Grundlage ist griechisch τýπος týpos, eigentlich 'Stoß, Schlag', dann auch 'Abdruck, plastisches Bild, Muster' und vieles andere. Ich stelle mir da einen Steinmetz vor, der mit Hammerschlägen eine Inschrift in ein Denkmal meißelt, eine schweißtreibende Arbeit und nach "Asterix" die Urform des Schreibens.

Die alten Sumerer haben es sich vor 5000 Jahren einfacher gemacht: Sie meißelten ihre Botschaften nicht in harten Stein, sondern drückten sie mit einem Griffel in noch weiche Tontafeln ein, die sie trocknen ließen oder brannten. Die Schrift ging ursprünglich in senkrechten Spalten von oben nach unten, beginnend auf der rechten Seite. In späterer Zeit drehte man die Tafel nach links und schrieb und las waagrecht von links nach rechts. Die Schriftzeichen behielten ihre alte Richtung. Durch das Material bedingt ging man dazu über, die Schrift nicht in den Ton zu ritzen, sondern drückte "Keile" ein, aus denen die einzelnen Zeichen zusammengesetzt waren. Daher der Name "Keilschrift". Von den ursprünglichen Bildern war bald nichts mehr zu erkennen.

Die Tontafel nannten die Sumerer dub. Das Wort bedeutete auch 'stoßen'. So muss man nämlich den Ton behandeln, bevor man ihn formen oder beschreiben kann. Dub, die Tontafel, verbreitete sich mit der Schreibtechnik im ganzen Orient.

Unsre Schulanfänger schrieben früher ebenfalls auf Tafeln, aber aus Schiefer. Die wurden auch Leien genannt, ein Wort, das wir von den Kelten geerbt haben (irisch lia 'Stein'). Mose schrieb die zehn Gebote auf Steintafeln (hebräisch לוח luach) und musste dazu Hammer und Meißel benutzen. Unsre Schulkinder hatten's leichter. Sie schrieben ihre Buchstaben mit dem Griffel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ursprüngliche Schreibrichtung

 

 


 

spätere Schreibrichtung

Babylon in Keilschrift

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Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 31.07.2007

Aktuell: 09.02.2019