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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Heilige Schauspieler

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Heilige ist jetzt im Himmel. Sie hatte zu Lebzeiten nach ihrem Glauben gehandelt und nur Wasser getrunken, aber Weingenießern ihr Vergnügen gegönnt und Alkoholikern geholfen, von ihrer Sucht freizukommen. Ihr Heiligenschein wurde ihr posthum verliehen. Die Urkunde ist im Vatikan bei anderen Schriftstücken abgeheftet.
Scheinheilige trinken zwar mit den Antialkoholikern Wasser. Das tun sie aber nur, um nicht aufzufallen. Sie beugen sich dem Gruppenzwang und passen sich an, ohne überzeugt zu sein. Ihr Verhalten ist nur Schein, nicht Ausdruck ihres Wesens.
Der Heuchler ist ein Übereifriger, der Wasser predigt und Wein trinkt. Seine Worte und sein Verhalten passen nicht zusammen. Er ist unaufrichtig.

Scheinheilige und echte Heilige, Überzeugte und Mitläufer sind kaum auseinander zu halten. Es ist auch schwer, Scheinheilige und Heuchler zu unterscheiden. Beide Vokabeln sind erstmals bei Luther nachgewiesen. Der Reformator redete allerdings nur von "scheinenden Heiligen". Die Zusammensetzung scheinheilig kam erst hundert Jahre später auf. Zuerst war das wörtlich gemeint und bezeichnete einen, der seine Frömmigkeit nur vortäuschte. Bald wurde das Wort auch im übertragenen Sinn verwendet von jemand, der seine wahre Absicht verschleiert.

Im Mittelalter nannte man unaufrichtige Menschen Gleisner. Das Wort kommt nicht von gleißen 'glänzen', sondern von althochdeutsch gilîchisôn (zu gilîch 'gleich') 'es jemand gleichtun, es machen wie die anderen, sich verstellen', daraus mittelhochdeutsch gelîchsenære, später Glei(ch)sner. Man hat aber schon im Spätmittelalter Gleisner mit gleißen erklärt und als 'scheinheilig' verstanden.

Luther hat in der Bibelübersetzung dieses altertümliche Wort durch das sächsische Heuchler ersetzt. Heucheln sagte man von einem Hund, der seinen Herrn begrüßt, mit dem Schwanz wedelt und vor lauter Aufregung "häuchelt", stoßweise atmet (zu hauchen 'Luft ausstoßen'). Man übertrug heucheln auf jemand, der sich unterwürfig wie ein Hund verhält und seine wahre Gesinnung verbirgt.

Heuchler nennt Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 6) Menschen, die etwas tun, um Beifall zu finden, nicht aus Überzeugung. Im griechischen Text steht ὑποκριταί hypokritaí 'Schauspieler': Die Julia auf der Bühne tut nur so, als ob sie Romeo liebt. Wenn sie ihre Gefühle überzeugend vortäuschen kann, klatschen die Zuschauer

Blender verstehen es, uns mit "blendendem" Äußeren und gewandtem Auftreten "blind zu machen" für ihren schlechten Charakter. Zu ihnen gehören auch die Hochstapler. Das Wort kommt aus der Gaunersprache und bezeichnete ursprünglich einen Stappler 'Tippelbruder, Bettler', der Geld erschwindelte, indem er sich für "hoch" und vornehm ausgab.

   

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Echo Online

Begriffe: sich verstellen | Wahrheit und Lüge

 

Datum: 11.09.2007

Aktuell: 09.02.2019