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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ade, blauer Dunst

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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e mit verräucherten Kleidern heim zu kommen! Nie mehr brennende Augen bei Seminaren, in denen fast jeder qualmt! In einigen öffentlichen Gebäuden und in den Kirchen wurde ja noch nie geraucht. Seit etwa zwanzig Jahren geht man freiwillig auch anderswo zum Rauchen vor die Tür, sogar in der eigenen Wohnung. Und jetzt haben wir es endlich, das Rauchverbot in öffentlichen Räumen.

Geraucht haben schon die Indianer vor Kolumbus. Auf der mittelamerikanischen Insel Guanahani hatte man Zigarren mit einem Deckblatt aus Mais. Diese nannte man tauaco. Die Taino auf Haiti gebrauchten eine Pfeife namens tabago, mit der sie ein narkotisches Pulver cohoba inhalierten. Die Spanier brachten diese Sitte nach Europa, nannten aber das verbrannte Kraut tabaco, das unser Wort Tabak ergab.

Die Spanier kannten schon 1410 einen ähnlichen Ausdruck tobacco, das aus arabisch طباق ṭabaaq stammt. Das erste A wird dumpfer gesprochen als das zweite, daher das spanische O. Gemeint war wahrscheinlich eine Heilpflanze, die man auf kranke Stellen auflegte, denn das Wort ist abgeleitet von طبق ṭabbaqa 'anwenden, auflegen'. Im heutigen Ägypten bezeichnet طباق ṭabaaq das Nikotinkraut, die anderen arabischen Sprachen benutzen das aus dem Indianischen abgeleitete تبغ tabġ.

Das ägyptische Wort kam über Spanien nach England als tobacco. Auch bei uns wurde es heimisch als Tobak, hessisch Duwwak. Wir kennen das Wort noch im Ausdruck "Das ist starker Tobak", eine unverschämte Zumutung, und in der Wendung "anno Tobak", früher, in einem nicht mehr bekannten Jahr ("anno"). Gemeint ist wohl 'als das Tabakrauchen aufkam'. In der Erinnerung orientieren wir uns nicht an Jahreszahlen, sondern an Ereignissen.

Der Wirkstoff im Tabak, ein hochgiftiges Alkaloid, heißt Nikotin nach seinem Entdecker Jean Nicot (um 1530þ1600).

Auch die Maya rauchten dieses Kraut, und zwar in Form von Rollen. Ihr Wort zicar bedeutete 'rauchen' und ergab über spanisch cigarro unser Zigarre. Auf dem Kasernenhof kam um 1900 der Ausdruck "eine Zigarre bekommen" auf: Wenn der Offizier gut gelaunt war, bot er dem Soldaten etwas zu rauchen an. Meist aber hatte er etwas auszusetzen, daher die ironische Bedeutung 'gerügt werden'.

Eine verkleinerte Form der Zigarre heißt nach dem Spanischen Zigarillo. Beide haben heute noch den Hauch des Exklusiven, Teuren. Zu einer wahren Volksseuche aber wurde das Rauchen ab 1850 durch das Aufkommen der preisgünstigen Zigaretten in Papierhülse. Das Wort ist die französische Verkleinerung von Zigarre.

Schon im 17. Jahrhundert wusste man um die Schädlichkeit des blauen Dunstes: Der "Tabakteufel", schrieb ein Zeitgenosse, habe den Europäern mehr Schaden zugefügt als die Spanier den Indianern.

 

 

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 16.10.2007

Aktuell: 09.02.2019