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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Narren

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Jetzt laufen sie wieder durch die Straßen, die Narren: Leute, die sich verrückt anziehen und so tun, als würden die normalen Regeln des Alltags nicht mehr gelten.

Ursprünglich verstand man unter Narren Menschen, die nicht nachdachten, unvernünftig handelten, zu viel redeten und über alles lachten, was sie nicht verstanden. Ihr Fehler war geistiges Unvermögen. Toren nannte man dagegen diejenigen, die noch nichts gelernt hatten oder sich nicht belehren ließen. Ihr Fehler war Unwissenheit oder Eigensinn.

Das Wort Narr ist verwandt mit schnarren, schnurren, schnarchen, nörgeln und einem alten narren 'knurren wie ein Hund', also ein Schallwort. Althochdeutsch snurring, mittelhochdeutsch snürrinc war ein Spaßmacher, der das Publikum erheiterte, indem er komische Geräusche von sich gab. Eine Schnurre ist eine lustige Erzählung. Hessisch sich schnärren bedeutet 'sich 'täuschen, sich was vormachen, sich selbst zum Narren halten'. Dass man vor manche Wörter ein S oder Sch setzen kann, ist eine uralte indogermanische Eigentümlichkeit: Beispiel lecken und schlecken. Schnarren und narren ist also dasselbe Wort.

Ein Narr war entweder einer, der nicht richtig sprechen konnte und "so dumm war, dass er brummte", oder ein Witzbold, der seine Rede mit lustigen Lauten würzte. Schon im Mittelalter traten auf Jahrmärkten Gaukler auf, die Kunststückchen vorführten oder die Zuschauer zum Lachen brachten. Bei kirchlichen Theaterstücken wurden nicht nur Szenen aus der biblischen Geschichte gezeigt, sondern auch dargestellt, welche Folgen es hat, wenn man keine Vernunft annimmt und dem Bösen folgt. Solche szenischen Darstellungen haben unser Verständnis von einem Narren genauso geprägt wie Umzüge mit komischen Figuren, über die man lachen konnte.

Zu Beginn der Neuzeit wurde es üblich, dass sich die Fürsten einen Hofnarren hielten, oft missgestaltete Menschen wie den Heidelberger Zwerg Perkeo, oder einfältige Toren wie den jungen Simplicius bei Grimmelshausen. Der wurde in ein Narrengewand eingenäht und musste die Hofgesellschaft in Hanau belustigen. Über solche armen Gestalten hat man sich amüsiert und ihnen Streiche gespielt. Andrerseits genossen sie Narrenfreiheit und durften vieles sagen, was andere nicht zu sagen wagten. Hochintelligente Hofnarren wie Perkeo genossen daher ein hohes Ansehen.

In den absolutistischen Staaten der Vergangenheit hat man also "Narren" erlaubt zu kritisieren. In den diktatorischen Regimes der Gegenwart wurden dagegen oft Kritiker zu "Narren" erklärt und in Anstalten weggesperrt. In einem demokratischen Land gibt es keine Narrenfreiheit, aber die Freiheit, seine Meinung zu sagen.

   

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Echo Online

Begriffe: Fastnacht | Begriff Narr

 

Datum: 05.02.2008

Aktuell: 09.02.2019