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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Missverständnisse

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Wenn es heute regnet, wird das Leder billiger. Wenn es morgen regnet, wird das Land billiger. Wenn es abermals regnet, wird das Bier billiger." Endlich mal ein paar gute Nachrichten in einer Zeit, in der alles teurer wird! Aber halt mal, da ist doch was faul: kein Werbetrick wie üblich, auch nicht einfach Unsinn, sondern ein paar Rechtschreibfehler.

Ich bekomme immer wieder Post von Leuten, die haben einen Fehler in einem Zeitungsartikel gefunden: Muss es nicht heißen "Häute, Morgen, aber Malz"? Richtig, aber man kann einen Zeitungsartikel nicht mehr ändern und jetzt steht es falsch in der Zeitung bis zum Jüngsten Tag. Wie peinlich! Die meisten Fehler sind harmlos, man versteht es trotzdem. In diesem Fall handelt es sich aber um Fehler, die den Sinn entstellen. Mündliche und schriftliche Äußerungen soll man ja verstehen. Die Rechtschreibregeln sind Verständnishilfen für den Leser, damit er nicht lange rätseln muss, was der Schreiber gemeint haben könnte.

Schon in den ältesten Schriften, bei Ägyptern und Chinesen, hat man Lesehilfen hinzugefügt, die den Sinn des Wortes andeuteten: Ägyptisch rnp mit dem Zeichen "Kind" bedeutete 'jung sein'. 'Jüngling' schrieb man zusätzlich mit "Mann" und 'Fohlen' zusätzlich mit "Pferd". Im Chinesischen schreibt man ma 'Pferd' mit dem einfachen Zeichen, mit "Frau" bedeutet es 'Mutter', mit "König" dagegen 'Achat'.

Verständnishilfen hat es schon immer gegeben. In der gesprochenen Sprache können wir das Gemeinte mit Gesten und unterschiedlicher Betonung verdeutlichen. Demselben Zweck dienen auch grammatische Elemente: der Band 'Buch' die Bande 'Horde' das Band 'Binde' sie band 'hat gebunden. Die Schrift bietet uns zusätzlich die Groß- und Kleinschreibung (band Band) und orthographische Varianten (viel 'eine Menge fiel 'ist gefallen').

Die Rechtschreibregeln entsprangen also nicht den Launen gemeiner Schulmeister, um die Gescheiten besser von den Dummen unterscheiden zu können, sondern sollen das Lesen erleichtern: Der Schreiber weiß ja, was er meint, und kann durch solche Schreibvarianten dem Leser auf die Sprünge helfen. Die Beachtung der Rechtschreibregeln kann also wie eine lesbare Schrift und klare Gedankenführung ein Akt der Nächstenliebe sein. Dabei wird aber dem Schreiber viel abverlangt. Er muss dauernd Entscheidungen fällen: "heute" oder "Häute", "morgen" oder "Morgen"?

Hat die Rechtschreibung noch eine Zukunft? Viele E-Mails sind schlampig geschrieben, weil man meint, es müsse schnell gehen. Wer zwingt uns denn zur Eile? Es ist ein Zeichen der Wertschätzung des Empfängers, wenn wir uns für ihn Zeit nehmen und ihm einen ordentlich verfassten Text schicken.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 19.02.2008

Aktuell: 09.02.2019