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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Macht des Wortes

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Eine Jugendgruppe hatte in langen Diskussionen eine ganz tolle Idee entwickelt und brauchte nun die Zustimmung des Vorstands. Nicht alle maßgeblichen Leute waren begeistert. Aber einer unterstützte die Jugendlichen und sagte, sie sollten ihren Plan mündlich vortragen und nicht nur schriftlich vorlegen. "Denn ich glaube an die Macht des gesprochenen Wortes." Der Vorstand ließ sich überzeugen, sprach ein "Machtwort" und genehmigte das Vorhaben.

Worte haben Macht. Sie können etwas bewirken. Oft entziehen sie sich unserm Einfluss und machen sich selbständig. Sie bleiben den Hörern oder Lesern im Gedächtnis und lassen sich nicht wieder zurücknehmen. Eine Kränkung frisst in der Seele und lässt sich nicht so leicht vergessen. Aber ein Wort der Verzeihung kann diese Wunden heilen. Ein Gerücht macht seine Runde, läuft sich tot oder wird beim Weitersagen entstellt oder aufgebauscht. Irrtümer lassen sich kaum noch richtig stellen, wenn sie einmal gedruckt sind. Denn wer garantiert, dass eine Berichtigung zu denen gelangt, die die falsche Darstellung gelesen haben?

Ich habe gedacht, im Zeitalter des Computers wäre das besser. Auf dem Rechner lassen sich Fehler nahezu spurlos korrigieren. Anders als bei gedruckten Texten kann man im Internet veröffentlichte Dokumente verbessern oder löschen. Eine feine Sache!

Dachte ich. Dem ist aber nicht so. Denn wie bei einem Gerücht machen sich auch hier die Gedanken selbständig. Da lädt jemand meine Seite auf seinen Computer und kommt später gar nicht auf die Idee, nach einer neueren Version zu fragen. Er gibt sie an andere Interessenten weiter oder baut Teile davon in seine eigene Veröffentlichung ein. Wer im Web nach einem bestimmten Satz oder Satzteil sucht, findet leicht zehn und mehr identische Texte. Da hat einer vom anderen kopiert und geholfen, diese richtige oder falsche Darstellung zu verbreiten.

Das Problem ist nicht nur, dass da jemand geistiges Eigentum stiehlt und damit Geld verdienen kann. Sondern auch, dass Irrtümer weitergegeben werden, die sich nicht mehr korrigieren lassen. Und dass der ursprüngliche Autor keine Macht mehr hat über das, was er einmal geschrieben hat.

Unsre Worte entfalten genauso ihr Eigenleben wie unsre Taten. Die Erfindung eines Steinzeitmenschen, das Rad, rollt heute noch auf unsern Straßen. Ohne den Ansporn meines Lateinlehrers hätte ich mich kaum für Sprachen begeistert und würde keine Sprachecke schreiben. Ein gutes Zeugnis kann eine Karriere ermöglichen, ein Eintrag in die Personalakte den Aufstieg beenden. Wir brauchen uns also nicht darüber zu wundern, wenn junge Menschen keine Stelle finden, nur weil sie ihre Dummheiten in Wort und Bild dem Web anvertraut haben.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 25.03.2008

Aktuell: 09.02.2019