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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Reich und Arm

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn einige Menschen überdurchschnittlich viel für sich beanspruchen, müssen sich die anderen mit weniger zufrieden geben. Wir können die Güter der Erde nicht beliebig vermehren. Wer sich bereichert, macht viele andere arm.

Was ist das überhaupt, reich und arm? Das bemisst sich nicht nur am Durchschnittseinkommen, sondern auch an den persönlichen Bedürfnissen: Wer für andere etwas übrig hat, ist reich, denn er hat mehr, als er braucht. Wer nicht genug kriegen kann, ist arm 'bedürftig', denn er hat nicht so viel, wie er haben will, und auch 'bedauernswert', weil er nie zufrieden sein kann.

Die Germanen hatten ihre eigenen Vorstellungen von reich und arm. Einige von ihnen standen anscheinend im Dienst keltischer Fürsten und erlebten deren sozialen Rang aus einer anderen Perspektive: Die Fürsten nannten sich rīges (Einzahl rīx) 'Könige'. Das zugehörige Eigenschaftswort  war rīgios 'königlich, mächtig', die königliche Macht nannte man rīgion (davon deutsch das Reich). Die Germanen übernahmen das Adjektiv als rīkīs aber nicht nur im Sinne von 'mächtig', sondern auch von 'wohlhabend', daher deutsch reich. Grund: Die Untergebenen erlebten bei ihrem Herrscher weniger seinen politischen Einfluss, als seine zur Schau gestellte Pracht, seinen "Reichtum". Und für die Söldner ganz wichtig: Ein mächtiger Herrscher hatte Erfolg und zahlte gut.

Auch das Kriegsglück konnte man aus unterschiedlicher Perspektive sehen: Wenn die Feinde davonliefen, feierten die keltischen Offiziere dies als boudis 'Sieg'. Den Söldnern war es wichtiger, dass sie nach der Schlacht viel boudis 'Beute' machen konnten. Sie schmückten sich dann mit goldenen Armreifen und brachten beim nächsten Heimaturlaub geraubte Kostbarkeiten aus fernen Ländern mit.

Auf den obersten Stufen der sozialen Leiter standen also der Herrscher und die Krieger. Sie protzten mit ihrem erbeuteten Reichtum. Ganz unten standen diejenigen, die gar nichts hatten, noch nicht einmal eigenen Grundbesitz, von dem sie sich ernähren konnten. Dazu gehörten die Sklaven und Leibeigenen. Schlimm ging es auc h den Waisen, denen die Eltern nichts hinterlassen konnten. In indogermanischer Zeit nannte man alle diese Menschen ḫórbʰoi 'Hilflose'. Dazu griechisch ὀρφανός orpʰanós und lateinisch orbus 'Waise'. Man hat sie als billige Arbeitskräfte ausgenutzt,horboihohorb. Sie mussz. daher altslawisch робъ robŭ 'Sklave', работа rabóta 'Knechtschaft' und deutsch Arbeit 'Dienst bei fremden Leuten'. Die Germanen bildeten das Wort arbmas, armas 'bedürftig und bedauernswert'. Bei den Kelten war orbis 'die Waise', welcher das orbion 'Hinterlassenschaft' des Verstorbenen zur Verfügung stand. Die Germanen übernahmen die beiden Wörter als arbis und arbja, heute der Erbe und das Erbe.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 17.06.2008

Aktuell: 09.02.2019