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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

De Ätte gebözt

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn jemand von etwas Leckerem nichts oder nur einen kleinen Bissen abbekommt, sagt man auf Hessisch: "Des is de Ätte gebözd." Der Sinn ist klar: "Du bist gemein, wenn du alles allein isst." Aber wie muss dieser merkwürdige Satz genau übersetzt werden? Ätte (gesprochen "Edde") ist ein altes Wort für 'Vater, Großvater' (althochdeutsch atto) [1] und bözen ist 'einen Boz (feurigen Rübenkopf) zeig1en'. Kinder kann man vielleicht weis machen, das sei ein Gespenst. Erwachsene fühlen sich damit eher belästigt oder belustigt. Die unverständliche Redensart bedeutet also "Das ist den Papa oder Opa veräppelt." Bözen war vor hundert Jahren noch gebräuchlich. Ätte wurde vor 250 Jahren vom französischen Papa verdrängt. Den Spruch vom auf den Arm genommenen Großvater habe ich vor 40 Jahren gehört, wahrscheinlich wird er heute noch gebraucht.

Was sollen diese unverständlichen Formulierungen? Ich selbst habe den Sinn gleich verstanden, aber lange gebraucht, bis ich richtig übersetzen konnte. Es handelt sich um ein Rätselwort. Wenn man nicht direkt fragt: "Was ist das, es hängt an der Wand und gibt jedem die Hand?", sondern einen unverständlichen Satz beiläufig in die Rede einflicht, wird das Rätsel viel interessanter. Zum Beispiel das scheinbare Sprichwort: "Was der Mutter ans Herz geht, geht dem Vater ans Knie." Ja, was ist das wohl, von der Mutter ans Herz gedrückt und gerade so lang wie der Unterschenkel des Vaters? Handelt der Spruch vom Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Sichtweise? Mitnichten, es ist ein Rätsel, das Alltägliches ungewöhnlich formuliert wie beim Handtuch-Rätsel und beim genarrten Opa.

Andere unverständlich klingende Sätzchen sind keine Rätsel, sondern in ihnen sind Besonderheiten der örtlichen Mundart zusammengefasst: "In Rossdoff hinnä de Käch, do häwwe se aon ämodt. 's Messä häwwe se gfunne, äwwe de Käll wao fott" (In Rossdorf hinter der Kirche, da haben sie einen ermordet. Das Messer haben sie gefunden, aber der Kerl war fort):  In diesem Dorf verschluckt man das R nach Vokal ganz, in anderen Orten bekommt man wenigstens ein schwaches A zu hören.

In Groß-Zimmern sagt man: "Uffe, awwe, enne, auße gäiht de Weg nach Gun(d)ernhause": aufen, aben, einen, ausen statt 'hinauf, hinab, hinein, hinaus'.

Im südlichen Südhessen spricht man auch im Wortinnern schp, scht (Kaschper, Kaschte), im Norden nicht. In Pfungstadt sagt man: "Wann kimmste an Pingste, do kriggste Geröste (Bratkartoffel) und Worscht", wie im Norden. Bei Worscht ist das S vom R beeinflusst, nicht vom T. Man sagt am Nordrand des Odenwalds ja auch: "Was war'sch sou schäi(n)."

Zurück zum Rätsel mit Vater und Mutter: Jetzt böze ich nicht den Ätte, sondern Sie, liebe Leserin, lieber Leser der Sprachecke, indem ich die Lösung nicht verrate. Hundsgemein, gelt?

 

[1] Männlich nach ShWb, 1,363. Das kann nicht sein, weil Ätte folgendes i oder j erfordert. Ich selbst und eine Korrespondentin (Frz-M) haben "die Ätte" gehört. Ist das ein Nachhall von mhd. eide, ahd. -eidi 'Mutter', das wegen des /i/ am Ende im SHess. nicht i, sondern umgelautet *Ǣi, gekürzt Æddə werden musste?

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Echo Online

 

Datum: 01.07.2008

Aktuell: 09.02.2019