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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Reime

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Anlautreim

Endreim

Sinnreim

 

Unterstufe des Gymnasiums Mitte der 50er-Jahre. Wir mussten Gedichte lernen, diesmal Schillers Bürgschaft. Der erste deklamierte: "Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht die Hände zum Heuß erhoben: O hemme des Stromes Toben." Richtig wäre "Zeus" gewesen, Theodor Heuß war damals Bundespräsident. Wir lachten, aber den anderen ging's auch nicht besser. Zwischen "Hände" und "erhoben" rutscht "Heuß" ganz automatisch über die Zunge.

Diese Häufung gleicher Anfangsbuchstaben nennt man Alliteration oder Anlautreim. Wir finden diese Art von Reim in vielen Zwillingsformeln wie "Haus und Hof", Mann und Maus", "Lust und Laune".
Eine Kunstform des Anlautreims ist der germanische Stabreim, bei dem zwei oder drei betonte Wörter in einer Verszeile denselben Anlaut haben. In Deutschland ist uns nur wenig erhalten, wie der altsächsische Heliand oder das Bruchstück des Hildebrandsliedes, einer durch mehrfaches Abschreiben entstandenen Dialektmischung: "Hadubrant gimahalta, Hiltibrandes sunu." (Hadubrand begann zu reden, Hildebrands Sohn.) Da es noch keine Familiennamen gab, hat man die Zusammengehörigkeit durch ähnliche Namensglieder ausgedrückt, hier in dreifacher Weise durch den gleichen Anlaut, durch das zweite Namensglied "-brand" und durch die ähnliche Bedeutung der Namen: 'Kampfschwert'.
In diesem kurzen Beispiel erahnen wir ein weiteres Stilmittel der alten Dichtung: die kunstvolle Umschreibung. Sie ist bei uns vor allem in Namen erhalten, aber in der altenglischen und nordischen Dichtung reich entfaltet. "Brand" bedeutet nicht 'Schwert', sondern 'das Brennen', als Umschreibung 'was brennenden Schmerz zufügt: die Waffe'.

In christlicher Zeit bediente man sich des Endreims, wie wir ihn heute noch pflegen. Er stammt aus der christlichen lateinischen Hymnendichtung. Endreim hat auch Schillers Gedicht: "die Hände zum Zeus erhoben: O hemme des Stromes Toben". Hier entsprechen sich die Zeilenenden vom betonten Vokal an. Auch in Zwillingsformeln finden wir oft den Endreim: "Ach und Krach", "Stein und Bein", "recht und schlecht".

Die dritte Form von Reim ist der Sinnreim, bei uns nur in Zwillingsformeln gebräuchlich wie "Mühe und Not", "angst und bange", "Schall und Rauch". Hier entspricht sich nicht der Klang, sondern die Bedeutung der Wörter. In der althebräischen Dichtung der Bibel ist der Sinnreim zu einer Kunstform entwickelt: "Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen / noch tritt auf den Weg der Sünder / noch sitzt, wo die Spötter sitzen" (Psalm 1): Hier entsprechen sich die Aussagen der drei Teilsätze. Man kann diese Art Reim auch in der Übersetzung beibehalten. Bei den anderen Gedichten muss der Übersetzer neue Reime finden und den Text verändern.

   

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Echo Online

 

Datum: 29.07.2008

Aktuell: 09.02.2019