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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Fremde unter uns

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Was wird doch heutzutage unsre Sprache mit Fremdwörtern überschwemmt, es ist eine Schande! Das Fuhrunternehmen, früher auch Spedition, heißt jetzt Logistics. Im Sport hatten früher die Kinder einen Trainer, jetzt haben die Kids einen Coach. Werbezeitungen bilden regelmäßig ein Girl der Woche ab.

"Die Fans des Stars gehen zu einem Mega-Event, um die neusten Hits zu hören." Menschenskind, kann man sich denn nicht deutsch ausdrücken? Warum nicht "Die Anhänger des berühmten Sängers gehen zur einer Großveranstaltung, um die neusten Schlager zu hören"? Man kann dasselbe auch auf Deutsch sagen - aber diese Worte haben einen ganz anderen Klang.  Der berühmte Sänger singt Opernarien und keine Schlager. Eine Großveranstaltung ist auch die Olympiade, der evangelische Kirchentag  oder der Weltkongress über Alternativmethoden zu Tierversuchen. Vielleicht treten auch dort Sänger auf, aber man strömt nicht dorthin, um sie zu hören. Anhänger gibt's auch in der Landwirtschaft. Jeder Guru hat welche. Im Schmuckgeschäft kann man sie kaufen und mit einer Kette um den Hals hängen. Das deutsche Wort ist also nicht eindeutig. Die wichtigste Eigenschaft eines menschlichen Anhängers ist, dass er anhänglich und treu ist. Das Wesen eines Fans dagegen ist, dass er zu Temperamentausbrüchen neigt, auf dem Fußballplatz wie beim Konzert. Hits werden ganz anders dargeboten und vermarktet als Schlager und sind oft viel anspruchsvoller. Die deutschen Übersetzungen geben also nur ungefähr das wieder, was ich aus dem mit Fremdwörtern gespickten Satz heraushöre.

Viele unsrer deutschen Wörter sind nicht eindeutig, wie am Beispiel Anhänger gezeigt. Das gilt auch für unser Wort Kind, das zwei Bedeutungen hat: 'junger Mensch' und 'Nachkomme'. Zehn- bis Fünfzehnjährige sind für Kinder zu groß und für Jugendliche manchmal zu klein. Wie nennt man diese Altersgruppe? Halbwüchsige würde passen, das Wort drückt aber aus, dass man sie nicht ernst nimmt. Teenager ist zu weit gefasst, dazu gehören auch die schon fast Zwanzigjährigen. Warum also nicht Kids? Dieses Wort im deutschen Sprachgebrauch füllt die Bezeichnungslücke zwischen kleinen Kindern und ausgewachsenen Jugendlichen.

Neulich bat mich jemand um meine Meinung zu einer Facharbeit. Sie wimmelte von Fremdwörtern. Der Schreiber versuchte eine Methode  darzustellen, die ich nicht kannte. Ich konnte zwar folgen, aber verstanden habe ich sie nicht und er wahrscheinlich auch nicht, sonst hätte er sich verständlicher ausdrücken können. Wissenschaft ist nicht die Fähigkeit Fremdwörter anzuhäufen, sondern neue Erkenntnisse zu gewinnen, dem Fachmann zu begründen und so zu erklären, dass es auch der kleine Bruder versteht.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 23.09.2008

Aktuell: 09.02.2019