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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Namen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die nordamerikanischen Indianer sind bekannt für ihre sprechenden Namen wie Sitzender Bulle oder Regen-im-Gesicht. So wurden sie erst als Erwachsene genannt aufgrund eines besonderen Erlebnisses. Diese Namen gaben die Indianer auch den Weißen. Beispiel: Lederstrumpf aus einem Roman von James Fenimore Cooper oder der Filmheld Der-mit-dem Wolf-tanzt. Ähnlich sind unsre Familiennamen entstanden: Man unterschied Menschen mit demselben Vornamen durch Beinamen: Schwarz, Kluge nach Eigenschaften, Teufel, Mohr nach Rollen in einem geistlichen Spiel, Bauer, Jäger nach Berufen. Spitznamen wie Weißkopf, Lerche gibt es ja heute noch.

Das Besondere an Namen ist, dass sie Individuen bezeichnen. Gewöhnliche Substantive ("Namenwörter") stehen für eine ganze Gattung: Wir hatten zu Hause einen Hund namens Molly. Hunde gibt es viele, aber Molly gab's nur einmal. "Molly, Lederstrumpf, Friedrich der Große" sind Stichwörter, mit denen wir unsre Erinnerungen zu einer Einheit verknüpfen. Was fällt ihnen zu Wilhelm Lübke ein? War das nicht der zweite Bundespräsident? Nein, der hieß Heinrich. Wilhelm war ein kaum noch bekannter Kunsthistoriker.

Namen gibt es in allen Kulturen, sie scheinen daher zum Grundbestand der Sprache überhaupt zu gehören. Nicht nur die Namen als solche sind weltweit verbreitet. Es finden sich auch in vielen Sprachen in Eurasien und Nordafrika ähnliche Vokabeln dafür. Sie gehen zurück auf ein altes Wort hnem- 'raunen, murmeln, zurufen'. Der Name ist also das, was man einem zuruft. Albanisch namatís 'murmeln', nëmë 'Fluch' zeigen, dass man mit diesem Ausdruck auch das magische Machtwort bezeichnet hat. Bei den sibirischen Tungusen ist nimŋa 'in Trance sein', im Hebräischen נאם neʔum 'Gotteswort', נבכא nabî 'Prophet'. Eine andere Entwicklungslinie führt zum Begriff 'reden': In den zentralasiatischen Sprachen bedeuten die entsprechenden Ausdrücke auch 'Erzählung'. Wer etwas zu sagen hat, hat Macht. Daher bedeuten walisisch naf, ägyptisch nb, sumerisch nam und Ainu (in Japan) nipa 'Herr', elamitisch (im alten Iran) napi 'Gott'. M, b, p, f sind verwandte Laute.

Wer den Namen kennt, hat Einfluss auf den, der so heißt. Das können wir heute noch ausprobieren: Rufen Sie "Hallo", wenn Sie eine Bekannte auf der Straße sehen. Sie wird sich kaum umdrehen. Anders, wenn sie ihren Namen rufen. Der Arzt hat Macht über die Krankheit, wenn er weiß, wie sie heißt. Nur dann kann er ein Gegenmittel finden. Die Magier und Schamanen glaubten, sie bekämen Gewalt über die Geister, wenn sie deren Namen aussprachen. Aus diesem Grund wollte das Rumpelstilzchen nicht verraten, wie es sich nannte. Denn solange niemand wusste, wie es hieß, konnte es die Königin tyrannisieren.

   

 

 

 

 

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Echo Online

Sprachecke 27.04.2004

 

Datum: 04.11.2008

Aktuell: 09.02.2019