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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Putz- und Fegtag

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Tante hatte Heidelbeeren gepflückt, Saft gemacht und in Flaschen gefüllt. Ein paar Flaschen fingen an zu gären und explodierten. Könnt ihr euch vorstellen, wie es danach in der Speisekammer aussah? Den ganzen Tag lang musste sie aufräumen und saubermachen. Aus dem Buß- und Bettag war ein Putz- und Fegtag geworden.

Bis 1994 war der Buß- und Bettag noch Feiertag. Dann wurde er abgeschafft. Ich hatte den Eindruck, er war nicht mehr wichtig. Zum Beten brauchen wir keinen freien Tag und zum Büßen haben wir keine Lust. Oder?

Was ist das eigentlich, Buße? Im alltäglichen Sprachgebrauch verstehen wir darunter eine Art Geldstrafe für Ordnungswidrigkeiten, die eine Behörde verhängt, egal ob der Übeltäter einsichtig ist oder nicht.

Die Kirchen dagegen legen Wert darauf, dass der Sünder einsieht und bereut, was er falsch gemacht hat. Wenn er das einem Geistlichen beichtet, kann der ihm die Vergebung zusprechen. Mit dem Bekenntnis ist es aber nicht getan, denn der Missetäter muss versprechen sich zu bessern und nach Möglichkeit die Sache wieder in Ordnung bringen. Daran knüpft das Wort büßen an: Die Grundbedeutung von althochdeutsch buozen war nicht 'bestraft werden', sondern 'bessern, ausbessern, heilen, wieder gutmachen', dazu buoza 'Besserung'. Die Wörter gehören zu bass, dem Grundwort von besser, best. Der heutige Sinngehalt 'reuevolle Umkehr von der Sünde' und 'Ordnungsstrafe' hat sich im kirchlichen Sprachgebrauch entwickelt.

Die alte Bedeutung dieses Wortes ist erhalten in dem Ausdruck Lückenbüßer. Das ist nicht einer, der für eine Lücke bestraft wird, sondern der eine Lücke "büßt", ausbessert und ausfüllt. Die Vokabel ist seit dem 16. Jahrhundert in Gebrauch. Ein Lückenbüßer ist heute eine Person, die eine unbeliebte Arbeit tun muss oder an Stelle des eigentlich Beauftragten einspringt: Bürgermeister und Erster Stadtrat sind verhindert, also besucht ein anderes Mitglied des Magistrats die Veranstaltung. Lückenbüßer nennen wir auch ein Füllsel für den verbliebenen Platz: Bei der Presse füllen die Hauptartikel nicht immer die Seite, die verbleibenden Lücken kann man mit kurzen Meldungen oder Bildern "büßen".

Eigentlich ist es ganz normal, dass wir Fehler verbessern. Schreibfehler lassen sich auf dem Computer mühelos korrigieren, wenn wir uns die Zeit dazu nehmen. Schade, dass wir immer meinen, es müsse schnell gehen, und machen keinen "Putz- und Fegtag", bevor wir Brief oder Email abschicken. Allerdings schlüpft auch bei größter Sorgfalt immer wieder ein Fehler durch die Kontrollen und steht dann in alle Ewigkeit unabänderlich in der Zeitung. Wie peinlich! Da hilft nur eins: Strenge gegen uns selbst und Nachsicht mit den Anderen.

   

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Echo Online

Begriffe: Feiertage

 

Datum: 18.11.2008

Aktuell: 09.02.2019