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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Mammon

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Im Kalten Krieg war die Welt noch übersichtlich: Auf der einen Seite war der kapitalistische Westen mit Demokratie und Marktwirtschaft – auf der anderen Seite der sozialistische oder kommunistische Osten mit der Parteidiktatur und Planwirtschaft. Je nach Standpunkt war die eigene Seite gut und die andere schlecht. Bei der "Wende" stellte sich heraus: Die sozialistische Wirtschaft war zusammengebrochen. Der Kapitalismus hatte sich als stärker erwiesen. Aber jetzt, nach fast zwei Jahrzehnten, stecken auch wir in einer Krise und fragen uns, ob der Kapitalismus vielleicht doch nicht so gut ist.

Die Wörter auf -ismus bezeichnen komplexe Systeme nach ihrer wichtigsten Besonderheit: Buddhismus ist eine Religion, Absolutismus ein Art zu herrschen, Alkoholismus eine Sucht, Kannibalismus das Essen von Menschenfleisch. Germanismen sind Vokabeln und grammatische Elemente, die aus dem Deutschen in eine andere Sprache übernommen wurden.

Bei Karl Marx sind Kapitalismus und Sozialismus zwei Wirtschaftsformen: Im Kapitalismus sind die Betriebsmittel (Bergwerke, Fabriken) in privater Hand. Deren Eigentümer versuchen, möglichst hohe Gewinne herauszuschlagen, während die "Proletarier" weiter nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie für Hungerlöhne verkaufen müssen. Der Gegenentwurf ist der Sozialismus, bei dem die Betriebsmittel nicht Einzelnen, sondern der Allgemeinheit gehören und die Gewinne an alle verteilt werden sollen. Das muss nicht mit Parteidiktatur, Atheismus und russischem Herrschaftsanspruch verbunden sein. Die Bunderepublik versuchte einen Mittelweg zu gehen, den sie aber nicht ‑ismus  nannte, sondern "Soziale Marktwirtschaft".

Kapitalismus ist nach dem Kapital benannt. Lateinisch caput ist der 'Kopf', capitalis bedeutet 'Haupt…' Im Italienischen nahm capitale die Bedeutung 'Hauptsumme' an: die Summe der einzelnen Seitenadditionen. Was übrig bleibt, wird verzinslich angelegt, daher die heutige Bedeutung 'gewinnbringendes Vermögen'.

Dasselbe ist mit dem biblischen Wort Mammon gemeint. Das aramäische ממונא mamona 'Vermögen' entspricht punisch mammon 'Gewinn' und scheint ein Fachausdruck der phönikischen Kaufmannssprache zu sein. Das Wort gehört wohl zu hebräisch אמן amen 'gewiss', מאמין ma'amin 'glaubend, vertrauend'. Mammon war das gewinnbringende Kapital. Dieses Wort hat einen verächtlichen Klang: Man kann das Geld wie einen Gott verehren und sich auf Kosten der Allgemeinheit und der Armen bereichern, wie es ja auch heute geschieht. In diesem Zusammenhang entstand der Ausdruck "ungerechter Mammon". Wir reden heute vom "schnöden Mammon". Schnöde 'minderwertig' nannte man ursprünglich Kleingeld und schlechte Münzen, nicht das Gold der Reichen.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 02.12.2008

Aktuell: 09.02.2019