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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Auf der Alm

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ötzi wurde vor 5400 Jahren im Hochgebirge erschossen. Wilderer und Schmuggler trieben dort bis in unsre Zeit ihr Unwesen. Wie kann denn da die Sennerin behaupten: "Auf der Alm, do gibt's koa Sünd"? Man kann sich ja denken, wie's gemeint ist.

Die Bergweiden in den Alpen wurden schon in der Bronzezeit genutzt, zunächst wohl für Schafe und Ziegen. Rindviehhaltung und Milchwirtschaft kamen erst im Mittelalter auf, als die alemannischen und bairischen Bauern immer weiter in die Gebirgstäler vordrangen. Ursprünglich waren diese Regionen bewaldet. Die Grünflächen sind durch Verbiss der Weidetiere und Rodung entstanden und werden durch die Beweidung gepflegt.

Die hochgelegene Wiese hieß auf Althochdeutsch alba, daraus wurde das heutige Alpe, aus der verschliffenen Nebenform Albn entstand Alm.

Alpe (Mehrzahl Alpen) hat ursprünglich 'Berg' bedeutet und gehört wohl zu indogermanisch ḫelbʰós (lateinisch albus) 'weiß' – nicht die Farbe des Schnees, sondern des Kalksteins. Auch die süddeutsche Alb und die Kreideinsel Albion 'Britannien' bestehen aus diesem Mineral, ebenso der Libanon. Labanu ist das verwandte semitische Wort für 'weiß'.

Die Fränkische und Schwäbische Alb setzt sich westlich des Rheins fort und heißt in der Schweiz und in Frankreich Jura. Dieser Name ist eine Variante des uralten Wortes ẖeğor (slawisch und georgisch gora 'Berg', arabisch ḥağar 'Stein').
Dieser Gebirgszug gab der Gesteinsart Jura ihren Namen und dem Zeitalter, in der sie entstanden ist: vor 200-145 Millionen Jahren, zur Zeit der Saurier. Nach dieser Epoche ist der Film "Jurassic Park" (Saurierzoo) benannt.

Die bronzezeitlichen Hirten zogen also im Frühjahr "auf den Berg", "auf die Alpe". So bekam dieses Wort die Bedeutung 'Weideland'. Im alemannischen Sprachbereich heißt dieses Grünland auch Matte, eine Weiterentwicklung von Mahd 'das Mähen', verwandt mit englisch meadow 'Wiese'. In Österreich nennt man die Matte das Mahd, Mehrzahl Mähder.

Die Menschen, die auf der Alm arbeiten, nennen wir Senne. Sie kümmern sich nicht nur um das Weidevieh, sondern verarbeiten auch die Milch und machen Butter und Käse. Im Althochdeutschen war senno ein 'Schafhirte'. Da sieht man, wie sich die Wirtschaftsweise seitdem geändert hat. Dieses Wort gibt es auch im Rätoromanischen, es ist also anzunehmen, dass es in dieser Gegend heimisch ist. Germanisch ist es nicht und lateinisch auch nicht. Es ist verwandt mit baskisch zain 'Wächter', das in Zusammensetzungen auch 'Hirte' bedeutet. Es liegt nahe, es mit semitisch ṣaʔnu 'Schaf- und Ziegenherde' zu verbinden. Die gemeinsame Grundlage der drei Wörter stammt wohl aus der Sprache der ersten Viehzüchter. Vielleicht hat schon Ötzi diese Vokabeln gekannt.

   

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Echo Online

 

Datum: 03.02.2009

Aktuell: 09.02.2019