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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Lügengeschichten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Baron von Münchhausen erzählte unglaubliche Abenteuer, die er erlebt haben wollte: von einem halbierten Pferd, eingefrorenen Tönen im Posthorn, dem Ritt auf einer Kanonenkugel und einem Besuch auf dem Mond. Einige dieser Lügengeschichten hätte man ein halbes Jahrhundert später "Märchen" genannt. Da Münchhausen vorgab, dies alles selbst erlebt zu haben, glaubte man ihm nicht. Märchen dagegen können "wahr" sein, wenn sie in verfremdeter Form von typischen Situationen unsres Lebens erzählen.

Auch in Sagen werden mitunter unglaubliche Begebenheiten berichtet. Dietrich von Bern spuckte Feuer, wenn er erregt war. Doktor Faust wurde vom Teufel geholt. Auf dem Schnellertsberg haust ein Gespenst, das mit der wilden Jagd durch die Lüfte fährt, wenn es Krieg gibt. Hier hat man von Personen oder Orten etwas erzählt, was unsre Zweifel weckt.

Im Deutschen unterscheiden wir diese Sagen von den Legenden. Das sind die Lebensgeschichten der Heiligen, die wenigstens in ihrem Kern authentisch sind. Da man von einem Heiligen erwartet, dass er Wunder tut, hat man die meisten Legenden mit Wunderberichten aufgepeppt. Wenn man diese herausnimmt, bleiben Lebensläufe übrig, die uns auch ohne Wunder beeindrucken:

Nikolaus von Myra war Bischof in einer Hafenstadt, handelte in einer Hungersnot einem Handelsschiff einen Teil der Ladung ab, trotzte Seeräubern, sorgte für eine verarmte Familie und setzte sich für unschuldig Verurteilte ein.

Martin von Tours war in seiner Jugend Soldat, später verweigerte er den Dienst mit der Waffe, ließ sich taufen, wurde Mönch und dann Bischof, sorgte für die Armen und blieb trotz seines hohen Amtes bei seinem anspruchslosen Lebensstil. Die bekannte Geschichte vom geteilten Mantel ist typisch für ihn, aber nicht alles, was über ihn zu sagen ist.

Man sollte meinen, Legenden seien aus dem Mittelalter, nicht von modernen, aufgeklärten Menschen. Trotzdem entstehen auch heute Heiligengeschichten. Sie haben aber mit den historischen Personen nichts zu tun:

Valentinus wurde wegen seines Glaubens hingerichtet. Sehr viel mehr ist über sein Leben nicht bekannt. Heute erzählt man, er habe Liebenden Blumen geschenkt und Pärchen getraut, die nicht hätten heiraten dürfen. Es gab aber zu seiner Zeit noch gar keine kirchliche Trauung.

Auch behauptet man, Nikolaus sei ein reicher Mann gewesen, der sich einen Spaß daraus machte, sich zu verkleiden und Kinder zu beschenken. Er hat sich aber nicht verkleidet, sondern trug das orthodoxe Bischofsornat.

Diese Geschichten sind Mythen, die erklären sollen, warum man am 6. Dezember Kinder beschenkt und am 14. Februar Blumen kauft. Müssen wir dafür neue Lügengeschichten erfinden und die altehrwürdigen Legenden verfälschen?

   

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Echo Online

Erfundene Geschichten | Sprachecke Moderne Legenden

 

Datum: 17.02.2009

Aktuell: 09.02.2019