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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Nordische Piraten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Den Mönchen der englischen Klosterinsel Lindisfarne blieb keine Zeit zu Gegenmaßnahmen, als im Jahr 793 die Segel der Drachenboote am Horizont auftauchten. Blitzschnell knirschten die Kiele im Sand, stürmten heidnische Krieger an Land, metzelten die Gottesmänner nieder, plünderten das Kloster und fuhren mit den Schätzen wieder ab. Von nun an sollten diese verwegenen Seefahrer Europa das Fürchten lehren. Sie suchten nicht nur die Küsten heim, sondern fuhren auch die Flüsse hinauf und scheuten sogar weite Fußmärsche nicht. Sie zerstörten 881 die Pfalz von Aachen und überfielen Köln, Bonn, Mainz, Worms und Metz. Anderen Städten fernab der See ging es nicht besser.

Sie kamen aus Skandinavien, waren also Norweger, Dänen oder Schweden. Aus der Selbstbezeichnung Norðmenn 'Nordleute, Norweger' wurde lateinisch Nordmanni, französisch Normands in der allgemeinen Bedeutung 'Skandinavier'. Der Normanne Rollo, der sich 911 mit seinen Leuten in der Normandie niederließ, war Däne. Normannen wurde zum Namen der in Frankreich lebenden nordischen Siedler, die Christen wurden und französisch lernten. Sie eroberten später England und Süditalien.

Nordmannen eignete sich also nicht mehr als allgemeiner Name der Nordleute. Wir kennen die nordischen Invasoren unter dem Namen Wikinger und bezeichnen damit überhaupt alle Skandinavier und ihre Kultur aus der Zeit zwischen 800 und 1000.
Streng genommen waren Víkingar nur die Krieger, die zum víking 'Raubzug zu Schiff' auszogen. Man kann Wikinger also mit 'Seeräuber, Piraten' übersetzen. Víking ist abgeleitet von víkja 'wenden, drehen, ein Schiff manövrieren, ein Ziel ansteuern'. Dieses Wort entspricht deutsch (ab-)weichen; formal ist víking gebildet wie (Ab-)weichung. Víking scheint ursprünglich ein seemännischer Fachausdruck gewesen zu sein, etwa im Sinn von 'Kurs eines Schiffes'.

Unsre Vorfahren lernten die Leute aus dem Norden als barbarische Krieger und Räuber kennen. Die eigentlichen Wikinger waren aber nur eine Minderheit. Die Mehrzahl der Skandinavier waren Bauern. Sie zogen auch zu friedlichen Unternehmungen aus, als Kaufleute und Kolonisten. Norweger besiedelten Grönland, Island und den Nordosten Amerikas. Schwedische Róðsmenn 'Ruderer' fuhren über die Ostsee und ließen sich im Südwesten von Finnland nieder. Sie wurden von den Finnen Ruotsi 'Schweden' genannt. Sie drangen über die Flüsse nach Russland vor, das den Róðsmenn (Руси Rusi) seinen Namen verdankt, und gelangten schließlich bis nach Konstantinopel.

Wir kennen diese schwedischen Abenteurer als Waräger, altrussisch Варяги Varjagi aus altschwedisch Varangar, das wohl 'Geschworene, Eidgenossen' bedeutet und zu altnordisch várar 'Gelübde, Treueschwur' gehört.

   

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Echo Online

 

Datum: 09.06.2009

Aktuell: 09.02.2019