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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Verleihnix

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der streitbare Fischhändler bei Asterix trägt den sprechenden Namen Verleihnix. Sein Grundsatz ist, die Ware nicht zu verleihen, sondern zu verkaufen – ein komischer Zug, denn kein Händler verleiht leichtverderbliche Ware. Er leiht nicht die Ware, sondern stundet die Zahlung, verleiht also sozusagen das Geld.

Oder muss es heißen: Er borgt das Geld? Was ist der Unterschied zwischen den beiden Wörtern?

Leihen ist erlauben, dass jemand etwas benutzt, was mir gehört. Ich überlasse ihm einen Teil meines Eigentums. Oder ich bitte jemand, mir etwas von seinen Sachen zu überlassen. Im ersten Fall verleihe ich, im zweiten leihe ich aus. Wie gotisch leiƕan zeigt, ist das germanische Wort mit lateinisch re-liqui 'ich habe zurückgelassen' verwandt, daher die Bedeutung 'jemand etwas überlassen'.

Teile ihres Grundbesitzes haben die mittelalterlichen Fürsten ihren Untergebenen als Lehen und Lohn für ihre Dienste gegeben. Das Substantiv zu leihen ist Lehen. Davon wiederum kommt das hessische lehnen, das an Stelle von leihen gebraucht wird.

Leihen kann man Bücher aus der Bibliothek, Eier bei der Nachbarin, das Auto der Eltern, sogar Arbeitskräfte und sein Ohr, indem man zuhört.

Borgen ist eine Ableitung von althochdeutsch borga 'Achtung, Aufmerksamkeit', borgên war 'Rücksicht nehmen, schonen', daher auch 'Zahlungsaufschub gewähren oder darum bitten, Kredit geben oder nehmen'. Borga wiederum ist abgeleitet von bergan 'verwahren, sichern, verstecken'. Davon stammt auch bürgen 'Sicherheit leisten' und Bürge 'Gewährsmann'.

Zu dieser Wortgruppe gehört auch die mittelalterliche "Burg", die in Kriegsnot nicht nur die Ritter, sondern auch die Bewohner des Umlands in sich "barg" und "Geborgenheit" bot. Nach dem Krieg war alles zerstört. Die Bauern konnten ihre Steuern nicht mehr zahlen und mussten den Vogt bitten, die Schuld zu "borgen" (erlassen). Vielleicht hatte der Vogt ja ein Herz und "borgte" (lieh) ihnen auch die Mittel für den Wiederaufbau. Falls er selbst noch Geld hatte.

Borgen und leihen wurden schon vor 200 Jahren im gleichen Sinn verwendet: 'vorübergehend überlassen oder sich geben lassen'. Leihen wird heute häufiger gebraucht [1] und hat viel mehr Zusammensetzungen als borgen.

Vom Ursprung her ist allerdings ein Unterschied zu erkennen: Borgen war ein Notbehelf. Man borgte, weil man etwas zum Überleben brauchte, wie am Beispiel der kriegsgeschädigten Bauern gezeigt. Beim Leihen dagegen geht es darum, dass jemand etwas hat, was er gerade selbst nicht benötigt, ein anderer aber brauchen kann. Der Fürst hatte mehr Land, als er bewirtschaften konnte, und verlieh Teile davon an seine Vasallen. Ich kaufe keine Romane, die ich nur einmal lese, sondern leihe mir welche.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Google 28.09.2009:
leihen
1.810.000
geliehen
406.000
borgen
1.650.000
geborgt
96.100

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Echo Online

 

Datum: 07.10.2009

Aktuell: 09.02.2019