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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Drehbare Scheiben

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ungefähr 6000 Jahre ist es her, dass jemand unter dem Schlitten einen Stab mit zwei drehbaren Scheiben anbrachte. Den Stab mit einer Scheibe gab es schon zweitausend Jahre vorher: die Spindel, auf die man die gesponnenen Fäden aufspulte. Unten hatte man ein Schwungrad, den Wirtel angebracht. Vielleicht war es ein Kind, das mit einer leeren Spindel spielte und entdeckte, dass sie auf dem Boden rollte – mit nur einem Wirtel immer im Kreis. Wenn man am anderen Ende noch einen Wirtel aufsetzt, rollt die Spindel geradeaus. Wenn man ein Holzstück drauflegt, bewegt es sich mit. Man braucht nur den Stab am Holz zu befestigen, dann hat man nicht nur ein verbessertes Spielzeug, sondern eine epochemachende Erfindung: den Wagen. "Rad und Achse" gab es ja schon vorher.

Der Wagen heißt Wagen, weil er sich "bewegt". Und das Rad? Nicht weil es "rattert", auch nicht weil es sich dreht, sondern weil es läuft: Zu indogermanisch reth- 'laufen' gehören deutsch Rad und das gleichbedeutende lateinische rota, ferner altindisch rathas 'Wagen', persisch rûd 'Strom' sowie die Flussnamen Rhodanus (Rhone) und Rodau.

Lateinisch rota bedeutet nicht nur 'Rad', sondern auch 'Scheibe, Rolle, Walze'. Die Verkleinerung rotulus bezeichnete im Spätlateinischen die 'Schriftrolle', altdeutsch der oder die Rodel. Die französische Entsprechung rôle ergab unsre 'Theaterrolle'. Auf Umwegen kam rollen zu uns (aus französisch roeler). Von rota abgeleitet ist rotundus 'kreisförmig'. Die französische Weiterbildung rond wurde als rund ins Deutsche übernommen.

Das englische Wort wheel, altenglisch hweol, hweogol 'Rad' geht auf indogermanisch quelos, queqlos zurück, das wohl vom ältesten Namen dieses Wagenteils abstammt. Ähnliche Wörter gibt es auch im Semitischen (hebräisch galgal 'Rad) und in den kaukasischen Sprachen (Grundform: hwelkwê 'Achse, Wagen'): alles Ableitungen von einem Verb kel, ker, gel, ger 'eine Drehung machen, sich umdrehen'.

Das Steinzeitkind konnte nicht ahnen, was es mit seiner Erfindung ausgelöst und angerichtet hat: Wagen, Eisenbahn und Auto, Streitwagen und Panzer, Straßen, zubetonierte Landschaft, Unfälle, Ölverbrauch und Abgase. Hätte die Mutter dem kleinen Erfinder wehren sollen? Hätte man beim Schlitten bleiben sollen?

Ein Schlitten, mit dem man den Berg hinab fährt, nennen wir Rodler, alt die Rodel, ein Wort aus dem Bairischen. Das war noch vor 150 Jahren eine einfache Konstruktion aus zwei Hölzern und einem Sitzbrett, kein Sportgerät, sondern ein Kinderschlitten. Um die Kufen zu schonen, beschlug man sie mit Eisen oder steckte sie durch die Beinknochen von Pferden. Das sah aus wie eine Rodel 'Schriftrolle': eine Fläche über zwei Walzen.

   

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Echo Online

 

Datum: 03.11.2009

Aktuell: 25.02.2019