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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Päpstin

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Stimmt es, dass sich eine Frau im Mittelalter als Mann verkleiden musste, wenn sie studieren wollte? In einem Frauenkloster hätte sie ohne Küche und Kinder lernen und Äbtissin werden können wie die gebildete Hildegard von Bingen (1098-1179), die Bücher schrieb und Briefe an hochstehende Personen. Eine Äbtissin, lateinisch abatissa, ist eine Klostervorsteherin, ein weiblicher Abt (abbas, Genitiv abbatis). Ursprung des Titels ist das aramäische ab 'Vater', meist abbâ mit angehängtem Artikel -â.

Im 13. Jahrhundert wurde behauptet, dass eine Frau Papst geworden sei. Die Quellen sind sich nicht einig, wann sie gelebt hat und wie sie hieß. Dass sie bei einer Niederkunft starb, ist eine folgerichtige Weiterbildung der Sage. Wie anders hätte man erkennen sollen, dass der Heilige Vater kein Mann war? All das ist höchst zweifelhaft.

Lateinisch papissa 'Päpstin' hat dieselbe Anfügung wie abatissa und Diakonisse 'Diakonin'. Auch das männliche Wort Papst, lateinisch papa, bedeutet 'Vater'. Dieses Wort war im familiären Sprachgebrauch schon den heidnischen Römern bekannt und war vor der Zeitenwende aus griechisch pápās übernommen worden. Als kirchlicher Titel wurde es später zum zweiten Mal von den Griechen entlehnt. Pápās bezeichnet heute den Papst. Früher war das auch der Titel des Patriarchen von Alexandria – der Papst war aus griechischer Sicht der Patriarch von Rom, das Oberhaupt einer Landeskirche und Kollege anderer Patriarchen und Metropoliten. Auch der Patriarch ist ein "Vater" (griechisch patriárchēs 'Obervater').

Das lateinische papa 'Papst' ist also der griechische Patriarchentitel ohne -s. Aber woher kommt die deutsche Vokabel? Im Altsächsischen gab es vor 1000 das Wort pavos. Das wurde vor 1200 ins Hochdeutsche als pâbes(t), bâbes(t) übernommen[1]. Anlautendes b- statt p- ist heute noch die mitteldeutsche Aussprache. Das zweite B ist die hochdeutsche Entsprechung des plattdeutschen -v- (wie in avend 'Abend'). Das T entstand durch dieselbe Sprechgewohnheit (Auslautverhärtung), die Palas 'Wohngebäude der Burg' zu Palast gemacht hat. Die heutige Schreibung Papst wurde erst um 1800 eingeführt.[2]

Das norddeutsche pavos kann nur direkt von griechisch pápās abgeleitet sein. Wie kam das griechische Wort aber nach Niedersachsen? Vielleicht durch Theophanu von Byzanz, die Gemahlin des sächsischen Kaisers Otto II. Sie wurde 972 vom Papst zur Kaiserin gekrönt, hatte Anlass darüber zu reden und könnte das griechische Wort in Deutschland bekannt gemacht haben.

Es war nicht ungewöhnlich, dass auch die Frau eines Fürsten gekrönt wurde und nach dem Tod ihres Mannes regierte, bis der Sohn mündig wurde. So finster kann das Mittelalter doch nicht gewesen sein.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] 1198 bâbest (Walther von der Vogelweide: Ich sach mit mînen ougen)

 

 

[2] Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch 969

 

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Echo Online

 

Datum: 05.01.2010

Aktuell: 09.02.2019