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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gestöber

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Frau Holle schüttelte ihre Betten aus. Der Wind trieb die Flocken vor sich her, riss Pulverschnee von den Dächern mit und türmte hohe Schneewehen auf, ausgerechnet über unserm Auto. Der Räumdienst begrub es vollends, als er am Straßenrand einen Wall zusammenschob. Als wir heimfahren wollten, mussten wir den Wagen frei schaufeln.

Was da vom Himmel fiel, war kein "leise rieselnder Schnee", sondern ein heftiges Schneegestöber. Wir überlegten: Woher kommt dieser Ausdruck? Von Staub oder von stieben / stob? Die Geschichte von stöbern ist ein bisschen verworren. Gehen wir in die Vergangenheit zurück: Die Anfügung ‑ern kennzeichnet eine Wiederholung wie bei blättern 'Blatt für Blatt eines Buches umwenden'. Die einfache Form ist niederdeutsch stöben 'Staub machen'. Der Umlaut drückt aus, dass der Staub nicht von selbst auffliegt (also "stobt"), sondern aufgewirbelt wird. Sie haben längst gemerkt, dass das niederdeutsche stoben unser hochdeutsches stauben ist.
Was ist daran verworren? Das ist doch eine folgerichtige Weiterentwicklung, oder? So einfach ist das nicht, denn stöbern hat zwei Bedeutungen: 'aufgewirbelt herumfliegen' und 'herumwühlen und suchen'. Wenn man auf dem Speicher etwas sucht oder in einem Antiquariat alte Bücher anschaut, wirbelt man Staub auf. Aber das 'Suchen' hat mit dem 'Wirbeln' nicht unmittelbar zu tun, sondern hat ursprünglich bedeutet 'Wild aus seinem Versteck jagen'. Das war die Aufgabe eines besonderen Hundes, des Stöbers. Erst jetzt können wir anknüpfen an stöbern 'herumfliegen': Die aufgescheuchten Hasen "stieben" davon wie Schneegestöber.

Als Stubenhocker und Bücherwurm ist mir das Stöbern in alten Schmökern vertrauter als stiebender Schnee. Wie viele Schätze habe ich schon in Buchhandlungen und Bibliotheken aufgestöbert! Bei diesem Schnee auf den Straßen traut man sich aber kaum aus dem Haus. Kein Problem, ich habe mir schon lange angewöhnt, im Internet zu stöbern. Jetzt gibt es ja fast 2 Millionen ältere Texte aus aller Welt in elektronischer Form!

Stöbern in diesem Sinne ist dasselbe wie surfen. Auch dieses Wort aus dem Englischen wird im übertragenen Sinn gebraucht (erstmals 1993). Die ältere Bedeutung ist 'auf den Wellen reiten' (1917). Ursprünglich war surf [1] die 'Brandung'. Man surft ja nicht auf den Wogen der hohen See, sondern auf den Wellen, die ans Ufer schlagen. Das englische surf ist erst seit 1685 nachweisbar. Es kommt von germanisch swerƀan/ swarƀ/ aswurƀan 'kreisen, wirbeln' [2]. Althochdeutsch swarp war der 'Wasserwirbel'.

Und wie kommt es zur Bedeutungsübertragung bei surfen? Im Internet lässt man sich durch die Informationsflut treiben wie ein Surfer durch die Brandung und weiß nicht, wo man landet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] surf (n.) 1685, probably from earlier suffe (1599), of uncertain origin. Originally used in reference to the coast of India... The verb meaning "ride the crest of a wave" is from 1917; surfer, surfing both from 1955. In the Internet sense, first recorded 1993

= A surf, wohl von einem älteren suffe (1599) unbekannter Herkunft. Ursprünglich von der indischen Küste… Das Verb in der Bedeutung 'auf einem Wellenkamm reiten' ist seit 1917 bezeugt, to surf und surfer seit 1955. Als Internet-Ausdruck erstmals 1993 aufgezeichnet." (Douglas Harper, Online Etymology Dictionary)

Suffe ist wohl falsch abgeschrieben statt "surfe": Diskussion

[2] ahd. swarp 'Strudel' (Graff 6,897), änhd. schwirbeln, schwurbeln 'sich im Kreis drehen, taumeln; wischen, fegen' (Grimm 15,2715)

 

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Echo Online

 

Datum: 09.02.2010

Aktuell: 09.02.2019