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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Hasen und Eier

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Hasen und Eier, Eier und Hasen – wie wohl die beiden ungleichen Partner zusammengefunden haben? Das hat Generationen von Forschern den Schweiß aus den Poren getrieben. Ich will ihre Meinungen nicht wiederholen.

Der Osterhase ist wie der Weihnachtsmann, das Christkind und der Klapperstorch eine neuzeitliche Symbolfigur, um die sich ein Mythos rankt. Ein Mythos ist eine Geschichte, die etwas erklären soll: woher die Ostereier, Weihnachtsgeschenke und die kleinen Kinder kommen zum Beispiel. Oder wie die Welt entstanden ist. Oder was bei einem Gewitter geschieht: "Da schimpft der liebe Gott."

Mythen, sollte man denken, sind falsche Erklärungen, vorwissenschaftliches Denken aus einer Zeit, in der man noch nicht richtig wusste, wie es wirklich ist. Spätestens seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert sind Mythen nicht mehr zeitgemäß. Und doch kam der Osterhase erst Ende des 18. Jahrhunderts auf, [1] als schon die Wissenschaft blühte. Dahinter steht eine wichtige Erkenntnis, die in der Romantik im 19. Jahrhundert verwirklicht wurde: Wenn nur noch der nüchtern erklärende Verstand zählt, geht uns etwas Wesentliches verloren: das ehrfürchtige Staunen, der Blick für das Schöne, der Zauber des Geheimnisvollen, das Wunder der Liebe.

Thema des Osterfestes sind nicht Hasen und Eier, sondern ist die Auferstehung Christi. Da geht es vielen wie beim Osterhasen: Die einen sagen: "Tote können nicht wieder lebendig werden, das ist nur ein Märchen." Die anderen schwören, dass alles genauso geschehen ist, wie es die Bibel erzählt. Beide machen denselben Fehler: Sie verwechseln diesen historischen Mythos mit Geschichtsschreibung. Dann gäbe es nur die beiden Alternativen "wahr" oder "falsch".

So denkt der Computer. Unser Gehirn aber erkennt komplexere Zusammenhänge. Wenn ich sage: "Unser Enkel ist ein goldiges Oos", so erwidert doch keiner: "Falsch, er ist kein goldfarbenes Aas, sondern schwarzhaarig und quicklebendig." Wir achten nicht bloß auf den Wortsinn, sondern erkennen, was dahinter steht, was gemeint ist: "ein liebenswertes, cleveres Kind".

Was ist gemeint mit der Auferstehung? Sie muss verstanden werden im Zusammenhang des ganzen Jesus-Mysteriums: Er kam von Gott und kehrte wieder zu Gott zurück. Menschwerdung Gottes, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt (die Gottwerdung des Menschen) gehören untrennbar zusammen. Da geht es nicht nur um Jesus, sondern auch um uns: Wir sind auf dem Weg, von Fleischklumpen zu Geistwesen zu werden,[2] oder nach dem geläufigen Bild: als Engel in den Himmel zu kommen.

Das ist kein Mythos mehr, keine anschauliche Erklärung, sondern ein Mysterium, ein Geheimnis, das sich nicht auf den ersten Blick erschließt, aber ergründet werden will.

 

[1] nach den Belegen bei Grimm 13,1375. Adelung (1793-1801) kennt zwar das Osterei, nicht aber den Osterhasen.

[2] "Gott ist dir worden Mensch; wirst du nicht wieder Gott, So schmähst du die Geburt und höhnest seinen Tod." (Angelus Silesius, 1. Buch Geistreicher Sinn- und Schluß-Reimen Nr. 124)

 

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Echo Online

 

Datum: 06.04.2010

Aktuell: 28.08.2021