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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Leseratten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

zum 100. Geburtstag meines Vaters Johann Heinrich Tischner
in dankbarer Erinnerung

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Die Darmstädter Metzgerfamilie Knippelius will hoch hinaus: Der Fritz soll studieren, obwohl er sich mit dem Lernen wehtut, den Verlockungen des Studentenlebens erliegt und von der Universität verwiesen wird. Schließlich tritt er doch in die Fußtapfen seines Vaters und wird ein rechtschaffener Metzgermeister. Seine Schwester Bärbel teilt das Los aller jungen Mädchen: Sie soll heiraten und Hausfrau werden. Sie liest leidenschaftlich gern Ritterromane. Der sonst so bildungsbeflissene Vater sieht das überhaupt nicht gern. Bärbel muss ihre Lektüre verstecken und sich die Zeit zum Lesen stehlen. So berichtet Ernst Elias Niebergall, bekannt durch den "Datterich", in seinem Erstlingswerk "Der Tolle Hund" (1837).

Ein Klagelied über die Benachteiligung der Frau? Beileibe nicht. Niebergall zeigt in seinem Lustspiel den normalen Alltag der städtischen Handwerkerfamilien, durch ein paar Konflikte spannend inszeniert und mit scharfer Zunge und spitzer Feder auf Darmstädterisch erzählt. So war das Leben in der Biedermeierzeit.

Was hat der Metzgermeister dagegen, dass seine Tochter liest? Lesen war in diesen Kreisen ein Zeitvertreib, den man sich nicht leisten konnte. Bärbel soll gefälligst ihre Pflichten im Haushalt erfüllen. Ihr Bruder, der gescheiterte Student, geht mit gutem Beispiel voran und engagiert sich in der Metzgerei. Wer sein Geld selbst verdienen musste, hatte alle Hände voll zu tun. Lesen und literarische Zirkel, das war etwas für die höheren Stände.

Ich habe das selbst noch in meiner Jugend erlebt. Meine Eltern wollten, dass ich aufs Gymnasium ging und studierte. Aber mein Vater hat nie verstanden, was ich tat, wenn ich über meinen Büchern saß. Oft fragte er ungeduldig: "Wann bist du fertig?" Es gab Wichtigeres zu tun, im Stall, im Garten, auf dem Acker.

Es war nicht nur die Zeitverschwendung mit den Büchern. Um zu lesen, musste ich mich zurückziehen, aus der Familie, aus der Dorfgemeinschaft. Früher saß man am Feierabend in Gesellschaft zusammen, klönte, sang, trank einen Schoppen, schäkerte mit den Mädchen in der Spinnstube. Nicht erst das Fernsehen und die Computerspiele, schon das Buch hat die Menschen in die Isolation getrieben. So habe auch ich mich zurückgezogen, trotz der weisen Ermahnungen meines Vaters: "Nicht das Buch bildet den Menschen. Der Mensch bildet den Menschen."

Was tue ich, wenn ich lese? Nichts anderes als auf dem Acker. Dort las ich Kartoffeln und liegengebliebene Getreideähren auf und sammelte sie in einen Korb. Im Buch lese ich Buchstaben auf, nicht mit den Händen, sondern mit den Augen und setze sie zusammen zu Wörtern und Sätzen, zu einem Sinn und Hintersinn. Dass wir das können, ist für mich immer noch ein Wunder.

   

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Echo Online

Begriffe Buch | Sprachecke 10.10.2017

 

Datum: 06.07.2010

Aktuell: 09.02.2019