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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Laster und Tugend

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die beiden Mädchen waren vorbildlich. Sie waren klug, arbeiteten mit und kümmerten sich um ihre Mitschüler. Aber eines Tages rasteten sie aus. Sie störten, waren unaufmerksam, meldeten sich nicht mehr und taten, als hätten sie nichts gelernt. Es war offensichtlich: Sie wollten auch mal getadelt werden, schlechte Noten bekommen und nicht immer besser sein als die anderen. Das gilt als unkameradschaftlich. Die beiden bewiesen ihre Tugendhaftigkeit dadurch, dass sie mal absichtlich normal sein wollten wie die anderen.
Tugend hat heute einen etwas angestaubten Charakter und klingt nach brav, angepasst, selbstgerecht und eingebildet. Ein Tugendbold strotzt geradezu vor Korrektheit und lässt das die weniger Korrekten spüren. -bolde sind unangenehme Menschen, egal, ob Tugend-, Witz-, Lügen-, Rauf- oder Trunkenbold.
Tugend ist ja eigentlich ein guter Wesenszug, aber man muss lernen, damit umzugehen. Der Tugendbold kann das noch nicht. Tugend ist verwandt mit taugen und tüchtig. Grundbedeutung ist 'nützlich, geeignet'. Als Übersetzung von lateinisch virtus 'Mannhaftigkeit, Mut, Stärke, Streitkräfte, gute Eigenschaften, Sittlichkeit' bekam Tugend den heutigen moralischen Hintersinn. In taugen und tüchtig ist noch eher zu erkennen, was ursprünglich gemeint war: Ein tüchtiger Mitarbeiter kann was und weiß was und ist fleißig. Ein Taugenichts dagegen ist zu nichts zu gebrauchen. Er hat zwei linke Hände.

Das Gegenteil von Tugend ist Laster, die schlechte Angewohnheit. Der Taugenichts hat ja vielleicht noch den guten Willen. Der Raufbold nicht, der sucht absichtlich Händel. Und der Trunkenbold ist so heruntergekommen, dass er nicht mehr wollen kann. Seine Sucht beherrscht ihn.
Laster ist ein Benehmen, das man tadeln muss. Althochdeutsch lahan war 'tadeln, verbieten', die Ableitung lastar bezeichnete den Tadel und das beanstandete Verhalten. Wer jemand Vorwürfe macht, ist geneigt, nicht nur diesen einen Fehler zu rügen, sondern den Getadelten auszuschimpfen und sogar über ihn zu lästern, wenn er nicht dabei ist.

Kardinaltugenden stehen auch einem kirchlichen Würdenträger wohl an, aber das sind nicht die Fähigkeiten, die ein Bischof braucht, um Kardinal zu werden. Kardinal- hat hier die allgemeine Bedeutung 'wichtig', zu lateinisch cardo 'Türangel', um die sich die Tür dreht. Die mittelalterliche Kirche hat sieben gute Charakterzüge zusammengestellt, die man Kardinaltugenden nennt: Weisheit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit, Glaube Hoffnung, Liebe. Daneben stehen die Todsünden Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit.

 

 

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Echo Online

Begriffe: gut und böse

 

Datum: 25.01.2011

Aktuell: 09.02.2019