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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Dilluvium und Alluvium

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Was war das für ein Wetter! Dauerregen und Überflutungen in Deutschland, Nordost-Australien und Pakistan! Wir sind dann schnell bei der Hand mit Vergleichen wie "sintflutartige Regenfälle" oder zitieren die Sintflut selbst: ein Hochwasser, das sich vor mehr als 5000 Jahren tief ins Gedächtnis der Menschheit eingeprägt hat. So alt sind nämlich die ältesten Aufzeichnungen darüber aus Mesopotamien. Die Tragödie trug sich zu an der Mündung von Euphrat und Tigris in den Persischen Golf. Die Geschichte wurde weitererzählt bis nach Griechenland und Indien und schließlich durch die Bibel auf der ganzen Welt.

Wir nennen diese Überschwemmung Sintflut. Sint- kommt von der germanischen Vorsilbe sin- 'zusammen, immer, groß' und entspricht der griechischen Präposition syn 'zusammen mit'. Der Prediger Berthold von Regensburg hat 1275 das Wort umgedeutet als "Sündflut". Das hat sich schnell durchgesetzt und so schrieb man noch um 1800. Dann haben Sprachwissenschaftler die alte Schreibung wieder einführt.

Flut ist 'dahinströmendes Wasser'. Dass dieses Wort mit fließen, Fluss zusammenhängt, kann man vermuten. Aber wie kommt es zu dem Nebeneinander von ß, ss und t? Grundlage ist ein indogermanisches pleú-d-ana 'fließen', plu-d-ís 'Fluss' und plo-t-ús 'Flut' mit unterschiedlichen Erweiterungen des Wortstammes. D wurde im Germanischen zu t, im Deutschen zu ß, ss. Aus indogermanischem t mit folgendem Akzent entstand im Germanischen der stimmhafte Lispellaut dh, meist d geschrieben (englisch flood). Im Deutschen wurde d mit Auslaut zu t, daher Flut.

Bei der Sintflut ertranken alle außer einer Familie, die sich in einem schwimmenden Behälter retten konnte. Diesen nennen wir Arche (von lateinisch arca 'Kasten'). Die Arche war kein plumper Kahn wie auf den Bildern, sondern hatte nach der Beschreibung der Bibel das Format eines Tankers: 150 m lang und 25 m breit. Anders als antike Schiffe war sie nicht oben offen, sondern hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen: ein schwimmender Kasten, ohne Antrieb und Steuerung.

Der lateinische Name der Sintflut, diluvium, bezeichnet nicht nur allgemein eine Überschwemmung, sondern auch die geologischen Hinterlassenschaften der Eiszeit: Man hielt den Gesteinsschutt, der Nordeuropa und das Voralpenland bedeckt, zunächst für Ablagerungen der Sintflut. Erst später kam heraus, dass es sich um Gletschermoränen handelt. Dem geologischen Diluvium entspricht das Alluvium 'Anschwemmung, Schwemmland' der Nacheiszeit. Heute nennen wir diese Formationen Pleistozän 'sehr neu' und Holozän 'ganz neu', zu griechisch pleîstos 'am meisten', hólos 'ganz' und kainós 'neu' (lateinische Schreibung caenus).

 

 

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Exegese Sintflut | Begriffe Sintflut | -zän

 

Datum: 02.02.2011

Aktuell: 09.02.2019